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Voltaire
geachtet keinen Freund gewann. Er war ein großer Geist, aber kein großer Mensch,daher auch seinen Schriften der Zauber mangelt, den nur eine große Seele zu ver-leihen vermag. Indeß handelte er großmüthig. Der Abbe Dcsfontaincs, demer viele Wohlthaten erwiesen hatte, gab die „Henriade" nach einer verstümmeltenAbschrift, ohne ein Recht dazu zu haben, heraus. Desfontaincs ward unglück-lich, bereute, was er gethan, und V. ward aufs Neue sein Wohlthäter. Wegeneiner entehrenden Beschuldigung verhaftet, verdankte der Abbe dem Einflüsse V.'sauf den Geist der damals sehr mächtigen Mad. de Prie seine Freiheit, seine Ehreund vielleicht sein Leben. Desfontaincs vergalt dies durch eine bittere Kritik, jadurch eine beißende Schmähschrift! Einem durch ein ungerechtes Urtheil zuGrunde gerichteten Bauer, der seine Hülse suchte, gab V. 3000 Livres und hießihn in Ferncy sich anbauen. In Gesellschaft war V. angenehm, höflich und einvollkommener Hofmann. Seine Lebhaftigkeit war so groß, daß er oft ganze Nächtearbeitete. Noch im 80.1. arbeitete er 14 Stunden des Tages. Condorcct, in sei-nem „Leben Voltaire's", sagt von ihm als Schriftsteller: „Niemand hat vielleichtDas, was man justesse <Ie l'ssprit nennt (Richtigkeit des Blicks), in einem Hä-hern Grade besessen als B. Er behauptet diese mitten in seiner poetischen Begei-sterung, wie in der höchsten Lustigkeit; überall leitet sie seinen Geschmack undlenkt seine Ansichten; sie ist eine der vornehmsten Ursachen des unbeschreiblichenReizes, den seine Werke für alle Menschen von gesundem Geiste haben. Nie hatvielleicht Jemand mehr Gedanken auf einmal umfaßt, und mit mehr ScharfsichtAlles durchdrungen, was keine weitläufige Zergliederung oder tiefes Nachdenken er-fodert. Sein Adlerblick setzte mehr als einmal auch Diejenigen in Erstaunen, welchediesen Hülfsmitteln tiefere Ideen und umfassendere oder bestimmtere Ansichten ver-dankten. Oft sah man ihn in Gesellschaft in einem Augenblicke unter mehren Ideenwählen, sie sogleich ordnen, und sie aufs glücklichste und glänzendste darstellen.Daher der Vorzug seiner Schriften, daß sie stets einfach und klar, doch nie fadewerden, und daß sie der gemeine wie der denkende Leser fast mit gleichem Vergnü-gen benutzt. Liest man sie mit Nachdenken, so findet man in seinen Werken eineMenge Grundsätze einer tiefen Philosophie, welche dem flüchtigen Leser entschlüpfen,weil sie keine Anstrengung crfodern, um verstanden zu werden". — Es ist nicht zuübersehen, daß dieses Urtheil hier und da, z.B. im Punkte der Philosophie, denFranzosen verräth, denn praktischer Nutzen war doch sein erster Gesichtspunkt beider Wissenschaft. — Unter V.'s zahlreichen Werken stehen wol seine dramatischenauf der ersten Stufe. Unter allen s. Landsleutcn hat er am glücklichsten mit Racineund Corneille um die Palme gerungen. Auch sind seine Trauerspiele noch jetzt Licb-lingsstücke der Franzosen. — Die nationale Anerkennung erhebt in denselben ammeisten die oft hinreißende Kraft der Motive, den lebendigen Ausdruck des Gefühls,zumal in reinmenschlichen Beziehungen, die fruchtbare Klarheit gereinigter Wclt-und Lebensansichten, das umsichtige Benutzen des Fremden innerhalb des festste-henden Theaterherkommens, endlich den Glanz einer meisterhaften Sprache. Wenndie Poesie bei keinem Volke die Farbe des Landes vcrlaugnet, so ist es insofern ein-seitig , den Charakter der Franzosen und im Einklänge mit diesem das unterschei-dende Wesen ihrer Tragödie nach einem fremden Stempel beurtheilen zu wollen.Lesfing hatte für sein Theil ganz recht, daß er die lächerlichen Ansprüche des franz.Geschmacks auf Allgcmeingültigkeit für immer zu Boden schlug, indem er das Fei-genblatt einer falschen Convenicnz mit dem Brennspiegel der naturgemäßen Wahr-heit vertilgte. Er hat uns in der Act wenig oder nichts zu thun übrig gelassen, daherdürfen wir jetzt ohne Besorgniß der Verirrungen selbst in der franz. Beschränktheitdie nationale Richtung ehren, ohne sie deßhalb im geringsten für ein Muster derNachahmung zu erklären. Aus dem Gesichtspunkt einer freien Kritik ist besondersjsi hen Kragödifn P,'s, des Unnatürlichen nicht zu gedenken, das er als Hran-osK