Druckschrift 
11 (1830) T bis V
Entstehung
Seite
775
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Voltaire

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Kein auswendig herzusagen, und späterhin recitirte er aus dem Gedächtniß ein Ge-dicht von Rousseau:l,-r Uvisaäe", vor der berühmten Ninon de l'Enclos, welcheein solches Gefallen an dem talentvollen Knaben fand, daß sie ihm ein Vermächt-niß von 2000 Livres zu Anschaffung einer kleinen Bibliothek hinterließ. SeinVater wünschte in ihm einen Rechtsgelehrten und Advocaten zu sehen; allein seineLiebe zur freien Gcistcsthätigkeit ließ es ihn nicht weit in diesem Studium bringen.Er machte immerfort Verse und nährte diese Neigung in der Gesellschaft geistreicherund witziger Männer, unter denen sich Chaulicu, der Marquis de la Fare, derMarschall v. Villars, der Großprior von Vendome, der Prinz v. Conti u. A. be-fanden. Hier lernte er zuerst den Ton der feinern Welt kennen, der ihm auch alsSchriftsteller eigen blieb, und wodurch er sich vorzüglich seinen Einfluß verschaffte.Der Vater sah dies ungern und bat daher den Marquis v. Chateauncuf, stanz.Gesandten in Holland, den jungen V. als Pagen mitzunehmen. Dies geschah;allein V. verliebte sich in die Tochter der Frau v.Noyer, einer Geflüchteten in Hol-land , und wurde deßhalb wieder zu seiner Familie zurückgeschickt, wo er aber cben-deßwegen sich nicht wohl aufgenommen sah. Er konnte nur dadurch miede- in Gunstkommen, daß er das ihm verhaßte Geschäft eines Advocaten übernahm. Hiervonerlöste ikn endlich ein Freund seines Vaters, Herr v. Caumartin, indem er ihm einenstillen Aufenthalt auf seinem Landgute anbot, wo V. mit dem ältern Caumartinbekanntwurde, der, ein großer Bewunderer Heinrichs IV. undSully's, ihn mitH seiner Begeisterung für diese großen Männer entzündete, und ihm, da er den HofLudwigs XIV. genau kannte, ein lebhaftes Bild von diesem gab. Dies ward dieVeranlassung zu derHenriade" und dem8ieole lleI,oui8X1V". Seine Nei-gung zu Spottgedichten zog ihm bald darauf, weil man ihn beschuldigte, eins gegendie Regierung geschrieben zu haben, einen anderthalbjährigen Verhaft in der Ba-stille (1716) zu. Hier entwarf er ein Gedicht über die Ligue (s. nachhcrigeHen-riade"), auch verbesserte er s. TrauerspielÖdipus", das 1718 auf die Bühne kamund in einem Jahre 45 Mal aufgeführt wurde. Selbst der Regent, der Herzogv. Orleans, war so erfreut darüber, daß er dem Dichter erlaubte, von dem Orte,wohin er nach s. Befreiung (der Verf. jenes Spottgedichtes hatte sich nämlich frei-willig angegeben) verwiesen worden war, nach Paris zurückzukehren. Sein Vaterselbst ward von einer Vorstellung dieses Trauerspiels dergestalt ergriffen, daß er denSohn mit Thränen in den Augen umarmte, und ihm von nun an freien Willen* ließ. V. verliebte sich zum zweiten Male ernstlich in die Marschallin v. Villars,wodurch er einige Zeit der Dichtkunst entzogen wurde, aber geheilt von dieser Lei-denschaft, schrieb er ein TrauerspielArtemire", welches jedoch nicht gefiel. Erstals es u. d. N.Mariamne" 1725 wieder auf die Bühne kam, fand es Beifall undward oft vorgestellt. 1722 begleitete er die Frau v. Nupelmonde nach Brüssel, woer Rousseau's Bekanntschaft machte, die jedoch mit einer völligen Entzweiung Bei-der endigte, welche sich nie wieder ausgleichen ließ, da Beider Charaktere und Le-bensansichtcn so sehr sich widersprachen. 1723 feilte V. an derHenriade", welcheum diese Zeit zum ersten Male, u. d. T. der Ligue, jedoch ohne V.'s Theilnahme,und in einer sehr unvollkommenen Gestalt, zu London gedruckt erschien. Der Prä-sident Henault und a. Freunde machten ihm so viele, zum Theil kleinliche Vemer-< kungen darüber, daß er unwillig zum Kamin eilte, um sein Gedicht zu verbrennen.Henault entriß es dem Feuer mit den Worten:Ihr Gedicht gleicht dem besunge-nen Helden, ungeachtet seiner Fehler war er ein großer König und der beste derMenschen". 1726 wurde V. abermals in die Bastillc gesetzt. Er hatte nämlicheinen Chevalier v. Nohan, einen adclstolzen jungen Mann, durch bittere Äußerun-gen beleidigt. Dieser ließ den 28jährigcn V. von seinem Bedienten durchprügeln.V. lernte fechten und foderte den Chevalier heraus, worauf Jener einen Vcrhaftsbe-fehl gegen V. auswirkte. Nach 6 Monaten verdankte er seine Befreiung der Mar-

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