Volksschriftsteller 765
liehen Cirkel, oder auch von Einem oder dem Andern allein, zur Aufheiterung ge-sungen werden können. Nachdem sich im Mittelalter die Liebe zu den sogen. Ro-manen etwas minderte, schrankte sich die Dichtkunst auf Volkslieder ein. Ein nurmittelmäßiges Lied ward 1200—1300 sogleich in ganz Deutschland gesungen undgepfiffen. „In derselben Zeit", heißt es in der limburger Chronik (bei dem I.1350), „sang man ein new Lied in deutschen Landen, dos war gemein zu pfeifenund zu trommeten zu allen Freuden". Ein aussätziger Barfußmönch am Main-strom galt in der Mitte des 14. Jahrh, als beliebter Volksliedcrdichter. „ Waser sung", sagt jene Chronik, „das sungen alle Leute gern, und alle Meister pfiffenund alle Spielleute führten den Gesang und das Gedicht". Volkslieder in dieserBedeutung sind Naturtöne, welche das Wesentliche eines Volks, sein tiefstes Seinaussprechen, nicht bloße Erzeugnisse des Einzelnen. Ihr Quell sind die Geschichte,der Sinn und die Sitte der Völker. Sammlungen solcher Volkslieder veranstalteteman schon gegen Ende des 10. Jahrh. Rosthius, (Kapellmeister zu Altenburg,gab 1593 2 Bde. Volkslieder heraus. Gehaltvoller ist die Sammlung deutscherVolkslieder, mit einem Anhange flamlandischer und französischer, nebst Melo-diken, herausg. von Büsching und von der Hagen (Bert. 1807), und des „Kna-ben Wunderhorn", von Brentano und Armin herausgeg. 1805; „Alldeutsche Volks-und Meisterlieder", herausgeg. von Görres (Franks. 1817), und Wolff's „Sammt,histor. Volkslieder und Gedichte der Deutschen", aus Chroniken, b. Colta (1829).„Herder's Volkslieder" gab Joh. Falk (Lpz. 1825 - mit einer Einleitung neu heraus.Mit dem dreißigjährigen Kriege erlosch die Liebe für diese Dichtungsart. In neuernZeiten machten sich einzelne G.sänge aus Opern so beliebt, daß sie Volkslieder wur-den, besondersaus Weiße's und Schikaneder's Opern nach Hiller's und Mozart'sComposition, aus dem „Freischütz" u. A. m. — Sammlungen von neuern Volks-liedern sind das „Mildheim'sche Liederbuch" von Becker, und Hoppenstedt's „Volks-lieder". Der Inhalt des Volksliedes muß unanstößig, die Sprache leicht fließendund gefällig sein, wenn es den Charakter eines Volksliedes b hauprcn will. Vielevon denen, welche auf einzelne Bogen gedruckt, unter allerlei Tüel: als anmuthige,lustige und schöne Lieder, verkauft werden, sind nicht selten geschmacklose Knittel-verse, voll unanständiger Zweideutigkeiten, und daher ein wahres Gift für Her; undSitten. Einige der bekanntesten und zum Theil noch beliebten Volkslieder sind vonClaudius, Götter, Hölly, Miller, Ooerbeck, Schubart, Stamperl Usteci u. A. ge-dichtet, und die Melodiken derselben von Ebers, Größel, Haydn, Harder, Hitler,Himmel, Hurka, Kranz, Hofmeister, Müller, Mcthfeffel, Nägeli, Pfeifer,Reichend, Schulze, I. Ph. C. Schulz, Schweizer, Zelter u. A. componirt. (Denbekannten Grabgesang: „ Wie sie so sanft ruhn ic.", hat der 1821 verst. Pros. derRechte in Leipzig, v. Stockmann, 1777 gedichtet, und Neefe componirt.) Samm-lungen von Volksliedern, meist in der Mundart des Volks, sind die von Grübetin der nürnberger, die treffliche von Hebel (s. d.), die von Jqna; Fellner(Basel 1803) in der alemannischen, die von Schottky (Pesth 1819), Castelliund Seid! (1828) in der östreichischen, die von Henne (Basel 1824), vonHanfs-linger(nach der luzerner Mundart, 1815) u. a. m. So gibt es auch Sammlungenschottischer, irischer, schwedischer, lithauischer Volkslieder. W. Müllers „Egeria" isteine Samml. ital. Volkslieder u. Erlaut von Wvlff (Lpz. 1829). — Nach demGesagten leuchtet es ein, welche wichtige Stellung in der Literatur jedes Volks seineVvlksschriftstellcr einnehmen. So nennt man alle Diejenigen, welchezur Bildung, zur Belehrung oder Unterhaltung des Volks Bücher geschrieben ha-ben. Man kann besonders 2 Gattungen unterscheiden: Diejenigen, welche für denTheil des Volks schreiben, bei welchem schon ein höherer Grad der Bildung voraus-gesetzt werden kann, und Diejenigen, welche die weniger gebildete Volksclasse insAuge fassen. Einige der bekanntesten unter den Erstem, außer den gefeierten Dich-