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11 (1830) T bis V
Entstehung
Seite
542
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542 Urchristentum

heilige Pflicht, über die untadelige Reinheit der Sitten ihrer Glieder zu wachen;Irrende wurden ermähnt, Frevler erst vom Abendmahle, dann von den Andachts-versammlungen und aller Gemeinschaft ausgeschlossen, und nur nach starken Pro-ben der Buße wieder ausgenommen. Diese Besugniß des Bannes oder der Excom-munication übten die Gemeinden im Ganzen aus, ohne ihren Bischöfen und Pres-bytern, als Aufsehern über die Kirchenzucht, mehr zu verstatten als eine berathendeStimme. Denn noch war der Geist Jesu Allen gemein, seine Gaben und Kräfte(vgl. Geist, der heilige) wirkten nicht bloß in den Lehrern, sondern in jedemGliede der Gemeinde, das durch Glauben und geistige Anlage wie durch eignenEifer dazu geschickt war. Was man auch von den Wunderthaten, die den erstenChristen nachgerühmt werden, von den außerordentlichen Wirkungen, die sie durchGebet und Auflegen ihrer Hände zur Genesung der Kranken und zur Ausrüstungder Schwachen mit neuen Geisteskräften hervorbrachten, urtheilen mag: bewun-dernswürdig wird man immer die reine Gewissenhaftigkeit, die freudige Selbstvcr-läugnung finden, womit sie sich ganz der Sache Jesu widmeten, die hohe moralischeKraft, womit sie die Rohheit und Berderbniß ihrer Zeit von sich abhielten, diefromme Gottcrgebenheit endlich, mit welcher sie ihr Glück nur darin suchten, Chri-sto anzugehören und den Willen seines himmlischen Vaters zu thun. Nirgends ha-ben sich zugleich so viele und so schöneZüge heroischer Tugend, muthigerVerachtungdes Todes und aller Güter und Freuden, aller Kränkungen und Feindseligkeitender Welt, aufopfernder Bruderliebe und Wohlthätigkeit, schonender Sanftmuth undfester Vereinigung gegen Gefahren, zuversichtlichen Glaubens und unerschütterli-cher Treue gegen die erkannte Wahrheit (vgl. Märtyrer) hervorgethan, als beiden ersten Christen, gerade unter den härtesten Drangsalen, mit denen sie wegen ih--rer Religion zu kämpfen hatten. Noch mehr als der Ruf von Wunderwerke» undneuen Lehren war es dieser innere sittliche Werth und fromme Heldensinn, washei aller scheinbaren Niedrigkeit (sie gehörten meist den untersten Volksclassen an)und wirklichen Armseligkeit ihres Zustandes doch so zahlreichen Zuwachs neuer Glie-der aus gutgesinnten Juden und aufgeklärten Heiden verschaffte. Freilich hatte aufdiese erhabene Gesinnung und tiefe Religiosität, nächst dem reinen Geiste des Evan-geliums selbst, die unter den ersten Christen gangbare, durch ihre Lehrer, besondersdurch die Offenbarung Johannis (s. Apokalypse) genährte zuversichtliche Aus-sicht auf eine nahe, zugleich schrecklich-majestätische und hocherfreuliche WiederkunftJesu zur Aufrichtung s. Reichs überwiegenden Einfluß. Der hauptsächlich durchdiese Vorstellung angefachte Eifer erhielt sich über die Periode des 1. Jahrh, derchristl. Kirche, aufweiche der Begriff und die hier angegebenen Merkmale des Ur-christenthums eigentlich nur passen, hinaus; aber er verlor später viel von seinerLauterkeit und Fruchtbarkeit; und die folgenden Jahrhunderte haben auf diese Pe-riode, als auf ein goldenes Zeitalter ursprünglicher Ächtheit und Blüthe des Chri-stenthums, oft mit. Beschämung über das Verderben der anwachsenden Kirche zu-rückgeblickt; die meisten der Sekten, die sich der römischen Hierarchie entgegensetz-ten, gingen darauf aus, in ihren bedrängten Gemeinden jene apostolische Einfaltder Lehre, Verfassung und Sitte wiederherzustellen. In einem historisch erweis-tichen Zusammenhange hat sich die Idee dieser Erneuerung des Ucchristenthums vonden Waldensern bis auf die evangel. Brüdergemeinde (s. d.) fortgepflanztund die Einrichtungen begründet, die noch jetzt als Nachbilder der ersten Liebe undFrömmigkeit bewundert werden. Doch wird sich jener Geist der ersten Christen im-mer nur da erneuern, wo man das Christenthum nicht, wie wir, die wir, inderKindheit getauft und von Christen erzogen, gar kein Verdienst bei unserer Anschlie-ßung an die Sache Jesu haben, bloß als eine Gabe des Glücks und durch Gewöh-nung empfängt, sondern eben wie die ersten Christen als ein ganz neues, sonst nieempfundenes und schwer zu behauptendes Heil aus eigner Bewegung ergreift und