Druckschrift 
11 (1830) T bis V
Entstehung
Seite
540
Einzelbild herunterladen
 

540 Urchristenthum

Sinne des Worts zwar die reine Idee der Religion, die dem Stifter des Christen-thums selbst vorschwebte und in seiner Lehre, Gesinnung und Handlungsweise ver-wirklicht war, genannt wissen; gemeiniglich aber bezeichnet man mit diesem Wortedie Eigenthümlichkeit der ersten Christengemeinden in der Lehre, Religionsübung,Gesellschaftsverfassung, Sitte und herrschenden Gemüthsstimmung, die das Ge-präge des Geistes der Apostel, welche diese Gemeinden gegründet hatten, noch un-rntstellt an sich trug. Kindliche Einfalt, schlichter, zuversichtlicher Glaube an dieWorte und Thaten Jesu, fromme Begeisterung, strenge Sittlichkeit und festesZusammenhalten in brüderlicher Liebe waren die Grundzüge dieser Eigenthümlich-keit der ersten Christen. Ihnen genügte, treulich anzunehmen, was die heil. Schriftund der Unterricht frommer, mit der gelehrten Bildung und Philosoph. Grübelei derWeisen ihres Zeitalters meist unbekannter Lehrer ihnen mittheilte, ohne den Man-gel eines wissenschaftlich begründeten und genau bestimmten Lehrbegriffs in denwichtigsten Dogmen, z. B. von der Gottheit Christi, von der Dreieinigkeit, von derArt und Weise der Rechtfertigung des Sünders vor Gott rc., zu empfinden. Da-für war ihre zuverlässige, wenn auch noch keineswegs kritisch gesichtete Erkenntnißdes Historischen im Christenthum desto lebendiger und fruchtbarer. Ihr Herz ent-brannte in heiliger Ehrfurcht und Freude bei der Verkündigung des Evangeliums.Wie ein immer gegenwärtiger, Alles beseelender und allen Gliedern seiner Gemeindeinnig vertrauter Freund stand der einst gekreuzigte und auferstandene, nun verklärteHeiland vor den Blicken ihres Geistes, und mit tiefer Rührung hörten sie die Jün-ger, die ihn selbst gesehen, betraten sie die Statten, wo in einer noch nahen Ver-gangenheit er selbst umhergegangen war, und auch für sie gewirkt, gelitten und ge-siegt hatte. Nicht in Kirchen, und überhaupt ohne alle Bciwerke äußerer Pracht,auch nicht als eigentlichen Gottesdienst (da der heidnische und jüdische Begriff des-selben dem Urchristenthum fremd war), sondern zur gemeinschaftlichen Erbauunghielten sie ihre Versammlungen zuerst in Privathauscrn, später, da harte Verfol-gungen über sie kamen, auch in Höhlen, Wäldern und unterirdischen Gemächern(Katakomben), meist geheim, oft aus Furcht entdeckt zu werden unter demSchutze der Nacht, mit Gebet, Gesang, Vorlesung heiliger Schriften und ausle-gender Belehrung, verbanden sie sich zu traulichen Agapen (s. Licbesmahle),aufweiche die Feier des Abendmahls zum Gedächtnisse des Todes Jesu und zur Be-festigung brüderlicher Gemeinschaft folgte, ihnen ein Mysterium, durch Entfernungaller Ungetansten und Uneingeweihten auch äußerlich mit heiligem Dunkel um-hüllt. Ein Fluß diente zur Taufe Derer, welche die Aufnahme in die GemeindeJesu begehrten und ihren Glauben an Vater, Sohn und Geist bekannten. Einevorläufige Bekanntschaft mit den Hauptwahrheiten des Christenthums wurde beiihnen vorausgesetzt, weil nur diese sie bewogen haben konnte, sich an die äußerlichunscheinbaren, ja bedrängten und verfolgten Christen anzuschließen: die Anstaltdes Katechumenenunterrichts kam erst gegen Ende d. 2. Jahrh. auf. In stis-tungsmäßiger Einfachheit wurden diese Gebrauche begangen, die Innigkeit derFeiernden ersetzte den fehlenden Glanz; von andern später in den christlichen Got-tesdienst eingeflochtenen feierlichen Gebräuchen sagt die Geschichte der Kirche des 1.Jahrh, nichts Erweisliches; die heilkraftige Ölung der Kranken, das Teuselaustrei-ben und die Pflege der Energumenen (Besessenen, Epileptischen) hatten noch fastallein die Bedeutung einer brüderlichen Hülfe, das Begraben der Leichen in dieErde aber den Zweck der Unterscheidung von den Heiden, welche ihre Leichen ver-brannten. Demnächst war in der ältesten apostolischen Gemeinde zu Jerusalemzum Zeichen der Einheit im Geist und gegenseitigen Hingebung eine Gütergemein-schaft eingeführt worden, bei welcher jedes Glied den Ertrag seiner Habe zu einerGesammtcasse liefern mußte, und aus derselben, zu Herstellung brüderlicher Gleich-heit, nicht mehr als der Ärmste zu seiner Versorgung erhielt. Nach nicht gar lan-