528 Unsterblichkeit
erstehung des Leibes nicht als eigentliche Fortdauer desselben, sondern nur !als eine neue Schöpfung eines ähnlichen, und zwar vollkommenem Körpers gedacht 'werden. Die Fortdauer nach dem Tode oder die Unsterblichkeit der Seele hat manauf verschiedene Art zu beweisen gesucht; besonders hat man sie in den neuern Zei-ten aus der Jmmaterialität der Seele gefolgert. Allein diese Jmmaterialität laßtsich selbst nicht streng erweisen; und wenn auch, so würde daraus folgen, daß dieSeele nicht so, wie der Leib, durch Verwesung zerstört werden könne, nicht aber, daßsie auch mit vollem Bewußtsein ihrer selbst fortfahre zu sein und zu wirken. Den»es bliebe immer möglich, daß die Seele nach dem Tode in einen bewußtlosen Zu-stand überginge, ähnlich demjenigen, worin sie sich während eines liefen Schlafsoder einer langen Ohnmacht befindet. Dies wäre aber keine wahre Fortdauer, son-dern nicht viel besser als Vernichtung. Gleichwol ist der Gedanke, daß der Menschnach dem Tode aufhören soll, als ein vernünftiges und freies Wesen ihätig zu sein,so trostlos und, man möchte sagen, empörend für die Menschheit, daß ihn die Wei-sesten und Besten von jeher als einen unwahren Gedanken verworfen, und alle ge-bildete Völker die Hoffnung der Fortdauer nach dem Tode als einen wesentlichenBestandtheil ihrer religiösen Überzeugung anerkannt haben. Die Hoffnung der Un-sterblichkeit ist daher als religiöser Glaube zu betrachten. ES ist nämlich eine unab- ^weisliche Federung der Vernunft an den Menschen, daß er nach einer ins Unendliche >fortgehenden Vervollkommnung strebe. Diese Federung kann und darf der Mensch !nicht aufgeben, wenn er nicht auf seine ganze Würde als ein vernünftiges und freiesWesen Verzicht leisten will. Er darf daher auch mit Recht erwarten, daß eine ewigeFortdauer seines bessern Selbst, als die unumgänglich nothwendige Bedingung ei-nes unendlichen Fortschritts im Guten, stattfinden werde, wenn ihm auch die Mög-lichkeit einer solchen Fortdauer ein ebenso unauflösliches Räthsel ist. Der Glaubean die Unsterblichkeit hat daher einerlei Grund und Quelle mit dem Glauben andie Gottheit, und Niemand kann mit fester Zuversicht an Gott glauben, ohne !zugleich an seine Freiheit und Unsterblichkeit zu glauben. Es findet sich daher der !Glaube an Unsterblichkeit auch in den Religionen der gebildetsten Völker aller Zeit,nur wird die Idee dieser Fortdauer von den verschiedenen Völkern mannigfaltigmodificirt. Am meisten aber ist sie abhängig von der Ansicht, welche man von derSeele und ihrem Verhältnisse zum Körper hat. Nur der rvheste Materialismusist dieser Vorstellung unfähig. Sobald man aber anfängt, das eigenthümlicheWirken der Seele wahrzunehmen und seinen Blick von der sinnlichen Gegenwartabzuwenden, sobald entsteht auch der Gedanke an die Fortdauer, und wird durch dieRegungen der Hoffnung und Furcht, sowie durch mannigfaltige noch unerklärbareErscheinungen der Natur, ja selbst durch Täuschungen unterstützt. - Früher aberwird die Fortdauer als eine Fortdauer mit dem Körper, ohne Vorstellung eines vondiesem Leben verschiedenen Zustandes gedacht (vielleicht darum suchte man zuerstdie Körper der Todten unvcrwest zu erhalten), — später mit einem andern neuver-liehenen Körper. Oder die Seele wird wie ein feinerer Körper vorgestellt, besondersals Lustwesen (daher die Benennungen des Geistes in den ältern Sprachen durchHauch und Luft) oder als ein Schatten, der, getrennt vom Körper, nach dem Todelebe. In diesem Falle ist auch das Leben nach dem Tode, wie nach der Mythologie ider Griechen, nur ein Schatten von dem gegenwärtigen. Aber dies ist schon spätereVorstellung und setzt eine Herrschaft der Sinnlichkeit voraus. Indem man aberdas Leben der Seele verbunden mit dem vorigen oder einem neuen, wenn auch äthe-rischen Körper dachte, war man genöthigt, dasselbe in einen bestimmten, von diesemLeben geschiedenen Raum zu versetzen. Das Unsichtbare aber wird zunächst als un-terirdisch vorgestellt. Daher der Glaube an eine Unterwelt (s. d.), oder ein Tod-tenreich, mit dem Glauben an die Fortdauer in der engsten Verbindung steht. Indemdie Phantasie nun den Wechsel der Zustände auch auf ei» andres Leben überträgt,