Umtriebe (demagogische) in Deutschland
die Mainzer Central-Untersuchungscommission am 20. Sept. 1828 geschlossen wor-den ist. Es kann daher nur Das, was jenem Processe vorausgegangen ist, waSzu demselben Veranlassung gegeben hat, und was von dem Gange desselben bisjetzt Urkundliches, oder durch Amtsblätter selbst, bekanntgemacht worden ist, hievin einer historischen Übersicht, so gut es unser Standpunkt und unsere Erfahrunggestatten, zusammengestellt werden.
Die Theilnahme des Volks und der Jugend, besonders der akademischen, andem Kampfe gegen Napoleon zur Wiederherstellung der deutschen Fürstenthronehatte die Fürsten in Wien bewogen, ihren Völkern neue, dem gegenwärtigen Zu-stande ihrer gesteigerten Cultur angemessene ständische Einrichtungen (vgl. die inKlübec's „Archiv" aufbewahrten diplomatischen Noten) zu versprechen. Dieses Ver-sprechen brachte in den durch jene Theilnahme ohnehin schon exaltirten Köpfen eirrallgemeines Hinneigen zu einer neuen Ordnung hervor, indem man, weil die Für-sten den alten deutschen Kaiserthron nicht wieder ausrichteten und sich selbst von denFesseln des Reichslehnwesens für immer losmachten, auch in Ansehung der Völkerdie alten, auf die Reichslehnverfassung gegründeten Territorial-Feudalstände füraufgehoben ansah. Aber bald verrieth eine „heimliche Unruhe und eine dumpfeGährung" in Reden und Schrift die, wie uns dünkt, ungegründete und in denvielen constikulionnellen Staaten des deutschen Bundes bereits widerlegte Furcht,daß man die Wiederherstellung der Feudalstände, bloß um den Staatscredil zu un-termauern, beabsichtige. Zugleich erregten mehre öffentliche Angelegenheiten, z. V.die Frage über die freie Stromschifffahrt und über das gegenseitige Sperrsystem desZollwesens in verschiedenen deutschen Staaten, den Antagonismus zwischen deralten und der neuen Zeit in dem uralten Streite der Praxis mit der Theorie aufsNeue. Insbesondere reizten der dunkle Sinn des 18. Art. der Bundesacte und dieVollziehung desselben in einzelnen Staaten, wie Baiern, Baden, Weimar, Wür-temberg, Nassau rc., die Ungeduld der ührigen Völker Deutschlands, und veran-laßten eine lebhafte Bewegung in der Mcinungswelt einiger Schriftsteller.
Die Anhänger des Feudalsystems schienen nun in dem Wunsche des Volksnach einer zeitgemäßen Feststellung der Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft einrevolutionnaircS Bestreben zu sehen, dem sie sich entgegenstellen müßten. Es ent-standen dadurch gegenseitig Mißtrauen und Erbitterung. Ein Unglück wurde es,daß mehr als ein Schriftsteller des Tages leichtsinnig oder bitter für die Volkssacheschrieb. Denn man hatte zwar den Censurzwang an einigen Orten aufgehoben,aber nicht vorher durch ein Gesetz über Preßmißbrauch die Grenzen des Erlaubtenbezeichnet, und die Mittel, Strafbares zu hindern, sich gesichert. Daher beweg-ten sich Viele im Gebrauche der neuen ungewohnten Redefreiheit höchst ungeschickt;am wenigsten wußte die Jugend, welche — anfangs von den Regierungen selbst —für das Vaterland begeistert, die Waffen ergriffen hatte, das rechte Maß zu halte»,und zugleich wieder in den aller Politik fremden Kreis ihres schönen Berufs zurück-zukehren. Hierzu kam, daß die alte fromme Zucht und Ordnung schon längst ausder häuslichen Erziehung großentheils, und zum Theil auch aus den Schulsälenentwichen war, daher die Jünglinge immer unreifer die Akademie bezogen, vonwo sie 1813 und 1815 der Ruf ins Feld 2 Mal abrief. Zu dem erhöhten Vater-landsgefühl in ihrer Brust gesellte sich nach der Rückkehr aus dem Felde, wie psy-chologisch leicht zu erklären, noch ein stolzes Selbstvertrauen in Ton und Haltung,und sie nahmen fortwährend Antheil an Vielem, was man in der aufgeregten Zeitdachte und besprach. Es fand in Deutschland etwas Ähnliches von Dem statt, was40 Jahre früher sich in Frankreich nach der Rückkehr der fcanz. Hülfstruppe» ausdem amecikan. Kriege begeben hatte. Vorzüglich ergriff manchen jugendlich über-spannten Kopf die vorherrschende Richtung unserer Zeit: jene einseitige Richtungdes Gemüths und der Einbildungskraft auf unklare Ideen, womit sich der neumo-