Druckschrift 
11 (1830) T bis V
Entstehung
Seite
73
Einzelbild herunterladen
 

Taufgesinnte, Mennoiüten

reiner Christen fort, ihre Visionen und Offenbarungen in den obengenanntenGegenden zu verbreiten. Sie verwarfen zwar die Vielweiberei, Gütergemein-schaft und Grausamkeit gegen Andersgesinnte, welche in Münster ausgeübt wor-den war, pflanzten aber die übrigen Lehren der ältern Wiedertäufer und eigneirrige Meinungen von der Menschwerdung Christi, zu denen der damalige Sa-cramentsstreit Anlaß geben konnte, auf ihre Anhänger fort. Die merkwürdig-sten dieser anabaptistischen Propheten waren Melchior Hoffmann und DavidJoris. Jener, ein Kürschner aus Schwaben, der sich als Lehrer seiner Parteierst 1527 in Kiel, dann 1529 in Emdcn, endlich in Strasburg herumtrieb, woer 1540 im Gefängnisse starb, bildete besonders durch s. chiliastischen Verheißun-gen einer ihm und s. Jüngern bevorstehenden Erhebung eine eigne Sekte, derenzerstreute Glieder sich u. d. N. der Hoffmannianer lange in Deutschland erhiel-ten , bis ihre Reste endlich den Taufgesinnten zufielen. Daß Hoffmann nochvor seinem Tode widerrufen habe, gestanden sie nie ein. Tiefer und phantasie-rcicher zeigte sich David Joris oder Georg, ein Glasmaler aus Dclft, geb. 1501und 1534wiedergetauft, in s. vielen theosophischen Schriften, die bei aller Ver-worrenheit der Begriffe doch durch Schwung und Innigkeit blenden konnten, undneben schlichten Erzählungen von den seltsamen Erscheinungen und Hähern Einge-bungen, deren Joris sich rühmte, durch einen gchcimnißvollen Vertrag christlicherLehren noch größere Wunder ahnen lassen, als sie aussprechcn. Durch solche Mittelsammelte er, bei dem Bemühen, die streitenden Parteien der Wiedertäufer zu verei-nigen, sich selbst einen Anhang vonStillcn im Lande, die, wie die Gichtclianer Böh-mc's Schriften, s. Werke, besonders s. 1542 zu Dcventer erschienenes „Wunder-buch" studirten und ihn als eine Art neuen Messias verehrten. Schwankend in s.Meinungen, irrte er lange umher, bis er endlich, um Verfolgungen zu entgehen,1544 u. d. N. Joh. von Brügge in Basel Bürger ward und 1556 nach einem ehr-baren Leben in der Gemeinschaft der Reformirten daselbst starb. Erst 1559 kam s.geheimgeblicbene Ketzerei an den Tag; ruchlose Lehren und Handlungen wurdenihm meist ohne Grund Schuld gegeben, worauf der baseler Rath ihn verurtheilenund s. Leichnam verbrennen ließ. Ein Freund dieses Joris war Nicolai, der Stif-ter der Familisten, die jedoch nicht unter die Wiedertäufer gehören. Da nach denmünsterschen Unruhen unter den Evangelischen allmälig der Grundsatz geltendwurde, keinen Ketzer, der nicht Empörungen stiftete, am Leben zu strafen, konn-ten diese und ähnliche Haufen von Sonderlingen ihr Wesen im Stillen treiben,wenn sie sich ruhig verhielten. Doch bis über die Mitte des 16. Jahrh, standenunter den Wiedertäufern noch Propheten auf, die häufige Störungen der bürger-lichen Ordnung verursachten, und daher die nichtgeringe Zahl der Märtyrer dieserSekte vermehren mußten, wie denn auch unter den Ketzern, dic Alba in den spani-schen Niederlanden hinrichten ließ, nicht wenige Wiedertäufer waren. Der Dul-dung würdig wurden sie erst, nachdem ihr bisheriges verworrenes Treiben derOrdnung, Ruhe und bürgerlichen Sitte gewichen war, welche die EinrichtungenM enno's ss.d.) unter ihnen begründet hatten. Dieser besonnene Mann vec-— band sie um die Mitte d. 16. Jahrh, zu geregelten Gemeinden, welche u. d. N.Me n normten, Mennisten oder Taufgesinnte, wie sie sich selbst jetzt nochnennen, im nördlichen Deutschland und in Holland mit pünktlicher Nachahmungaller Eigenheiten der ältesten apostolischen Kirche ein für sich bestehendes Kir-chcnthum stifteten. Nur konnte er nicht hindern, daß sie schon 1554 überM den Grad der bei dem Kirchcnbannc anzuwendenden Strenge uneinig wurden.As Die Strengern belegten jedes einzelne Vergehen wider Sitte und Kirchenordnungmit dem Banne, und trieben die Folgen desselben so weit, daß auch die eignenEhegatten undVerwandten allerGemeinschast mitdenBcstraften entsagen sollten;die Gelindern wollten nur bei beharrlichem Ungehorsam gegen die Gebote der keif.