64 Taubstumme
haben meistens in spätern Jahren erst, z. B. durch Lähmung der Zunge, die Spra-che verloren. Bei Taubgeborenen können dieSprachorgane ganz vollkommen gebil-det sein, wie es auch meistens der Fall ist; allein da sie nie einen articulirten Lautsprechen, nie eine Sache benennen hören, so können sie auch nicht sprechen lernen.Jedes Kind lernt nach und nach die Sprache, die es um sich herum täglich hört, weiles allmälig die gehörten Töne, Sylben und Wörter nachsprechen lernt, weitesseine eignen Töne mit denen der andern Menschen vergleichen, und wo es fehlt, solange nachhelfen kann, bis seine Aussprache der seiner Umgebung gleichkommt. Eintaubgeborenes Kind hört weder Andre noch sich selbst; es kann folglich die mannig-faltigen Töne Andrer und die Benennungen der Dinge nicht nachahmen, es weißüberhaupt nicht, baß Töne, Laute und Worte epistirm, sondern es bemerkt bloßdurch das Gesicht, daß diePersonen, welche es sieht, mannigfache Bewegungen mitden Lippen, der Zunge, dem Gaumen, überhaupt mancherlei Gebärden machen mitden Muskeln des Gesichts, je nachdem sie verschiedene Dinge, die um sie herum sind,bezeichnen, einen eignen Zustand an sich oder auch an Andern, z. B. Freude,Schmerz, Verwunderung, Zorn, Haß, Liebe», s. w., ausdrücken wollen. Wasnun dem Taubstummen durch das Gehör abgeht, sucht er sich, wenigstens zum Theil,durch das Gesicht zu ersetzen. Er bemerkt um so deutlicher Das, was die Hörendengewöhnlich gar nicht oder doch weniger achten, jede Bewegung der Sprachwerkzeuge,selbst ihre feinsten Verschiedenheiten und die Bedeutungen derselben, jede, selbst ineschwächsten Veränderungen der Mienen und des Ausdrucks der Gesichtszüge, nachihren verschiedenen Bedeutungen. So ersetzt das Gesicht allmälig gewissermaßendas Gehör bei diesen Menschen, und sie können Vieles von Dem verstehen, wasman ihnen begreiflich machen will, theils mittelst der Bewegung der sichtbarenSprachwerkzeuge, theils durch Mienen und andre Zeichen. Da die Thätigkeit derSprachwerkzeuge nicht durch organische Fehler unmöglich gemacht, sondern bloßaus Mangel an Nachahmung der Töne unterblieben ist, so sind auch die Taub-stummen im Stande, jedoch ohne daß sie es selbst wissen und hären können, bloßdurch die absichtliche und bestimmte Bewegung der Sprachwerkzeuge und durchstarke Ausstoßung des AthemS, mancherlei Tone von sich zu geben, welches besondersalsdann geschieht, wenn irgend ein starker Affect sie bewegt. Da sie aber dieseTöne nicht selbst hören, ja es nicht einmal wissen, daß sie dergleichen von sichgeben, so können sie solche weder mit den Gegenständen in Übereinstimmung brin-gen , noch gehörig artikuliren, noch in Rücksicht der Stärke und Schwäche regeln.Sie stoßen also nur unverständliche, nichtssagende, schreiende Laute von sich. Daihre Nachahmung sich auf das Sichtbare in den Ausdrücken der Menschen be-schränkt, so bringen sie es darin auch zu einer großen Fettigkeit. Ihre Gebärden,ihre Mienen, die Bewegungen ihrer Sprachwerkzeuge, ihr Handspiel sind äußerstlebhaft und deutlich. Gut unterrichtete Taubstumme können Alles verstehen, waszu ihnen gesprochen wird, und sich auch durch ausgesprochene Worte Andern ver-ständlich machen. Wenn aber ein erwachsener Taubstummer auf irgend eine Weiseplötzlich das Gehör bekäme, so würde er dessenungeachtet doch ebenso wenig dieWorte der andern Menschen verstehen, als er selbst sprechen könnte. Er würdeauf einmal gleichsam in eine andre Welt versetzt, in das Reich der Sprache undTöne, deren Bedeutung ihm aber völlig fremd wäre. Er müßte diese Bedeutungder Worte erst allmälig und durch langen Unterricht erlernen, sowie er erst allmälig,so gut wie ein Kind, müßte sprechen und durch Worte sich verständlich machenkernen. Die Erzählungen, daß Taubstumme haben hören, und auch sogleich ver-stehen und sprechen lernen, beruhen bloß auf Täuschung und enthalten eine Un-möglichkeit. Wirklichen Taubstummen kann man also durch mündlichen Vertragoder mit Hülse der Tonsprache keinen Unterricht ertheilen, und ihren Verstandnicht auf die gewöhnliche Weise entwickeln. Gleichwol ist es nicht unmöglich, durchandre Sinne Empfindungen bei ihnen zu erregen, und solche für sie zur Tvnsprache