Druckschrift 
11 (1830) T bis V
Entstehung
Seite
49
Einzelbild herunterladen
 

Taschenbücher - und Almanachsliteratur in Deutschland 49

einem doppelsinnigen Worte ankündigte, der Herr Präsident (des Parlaments) nichterlauben wollte, ihn vorzustellen (zum Narren zu haben: ,Monsieur le kresickentne reut pas gu'ou le soue!", wo das Wörtchen le sowol auf den Präsidenten alsauf das Stück bezogen werden kann''. Erst 1669 hatte Möllere sein Ziel erreicht,und 3 Monate ward Tartuffe ununterbrochen hinter einander gegeben zum Ver-druss- aller Heuchler, die hier mit all' dem Witz und Scharfsinn gezeichnet waren,welche MoliLre noch jetzt zu einer Fundgrube der Komik machen. Auch hat seinTartuffe diesen Namen zu einer komischen Benennung für alle Scheinheilige ge-stempelt.

Taschenbücher-und Almanachsliteraturin Deutschland.Der Ursprung unserer Taschenbücher für die elegante Welt verliert sich in die An-hänge, welche man den Ealcndern für das Volk, dergleichen z. B. „Der hinkendeBote" seit langer als 150 Jahren gewesen, jährlich zu geben pflegte. Es entstanddie Idee, den gebildetem Standen bei der Gelegenheit, wo sich auch diese mit einemEilender für das nächste Jahr zu versehen pflegten, eine Sammlung kleiner unter-richtender und unterhaltender Aufsätze in die Hände zu liefern. Man begnügte sichdabei zuerst mit einer bloß zierlichen Form. Nach und nach steigerte sich das Be-dürfniß durch den Wetteifer der mit diesem Zweige der Literatur sich beschäftigendenIndustrie. Man fügte Kupfer hinzu, anfangs von geringem Kunstwerth. Chodo-wiecky's ausgezeichnetes Talent für die Charakteristik in kleinen Zeichnungen begün-stigte und entwickelte diese Liebhaberei bald außerordentlich. Die Ansprüche an diechalkographische Ausstattung sowie an den äußern Schmuck sind seit dieser Zeit im-mer gestiegen, und wir sehen jetzt nicht bloß unsere eignen Künstler, zum wahrenKunstoerderb, mit diesen Lilliputblättern beschäftigt, die Unternehmer suchen sogardie Chalkographen in Frankreichs und Englands Hauptstädten auf. Wo fernernoch vor 20 — 30 Jahren eine einfache Broschirung zureichte, sieht man jetzt min-destens saubere Bände mit Goldschnitt und Figuren, und nicht selten sind Bändevon echtem Maroquin, von Seide, ja vom zierlichsten Moire mit silbernen Schlös-sern. So viel Hunderte vor 30 I. dem Unternehmer ein solches Büchlein kostete,ebenso viel Tausende muß er jetzt darauf verwenden, und das Unternehmen ist gegen-wärtig fast halsbrechcnd für die Buchhändler geworden; denn irgend ein zufälligerUmstand, der sie hindert, das Taschenbuch zeitig auf den Markt zu bringen, der esnur um einige Wochen verspätet, kann den Verlust des ganzen darauf verwendetenCapitals nach sich ziehen. Dieselbe Steigerung, welche in den Ansprüchen auf dasÄußere stattgefunden, ist auch bei der Zusammenstellung des Inhalts eingetreten,und in gleichem Grade sind die Ansprüche der Autoren, welche Beiträge dazu liefern,gestiegen. So werden diese Unternehmungen jetzt in der Regel nicht bloß von denVerlegern, sondern auch von den Dichtern und Herausgebern aus Industrie betrie-ben, und da das Publicum dies bemerken muß, so darf man annehmen, daß ihreglänzendste Zeit vorüber und ihr Herabstnken nahe ist. Eins der ersten Taschen-bücher dieser Art, die in Deutschland mit Beifall gelesen wurden, war das lauen-b urger. Es erschien zuerst 1770 und wurde bis 1798 fortgesetzt, fristete sichdarauf noch 2 Jahre unter andern Titeln und erlosch dann Die gothaischenHofcalendcr, welche auch die Genealogie der europäischen und deutschen Fürsten-häuser lieferten und außerdem mancherlei Brauchbares mittheilten, erschienenzurrst 1764, und von 1766 an auch französisch. Sie sind ohne bedeutende Unter-brechung bis jetzt fortgesetzt worden und haben besonders im Auslande eine Art vondiplomatischem Ansehen gehabt. Ihr Absatz ist sehr gesunken. Lichtenberg's Bei-träge und sein geistreicher Eommentar zu den verkleinert darin mitgetheilten Ho-garth'schen Kupferstichen waren es vorzüglich, was dem göttingcr Taschen-calender von 1776—1813, wo er aufhörte, viele Leser verschaffte. Er erschienzugleich eine Zeit lang in einer stanz. Übersetzung. Das leipziger Laschen-Conv.-Lex. Siebente Auch Bd. XI.-j- 4