Druckschrift 
11 (1830) T bis V
Entstehung
Seite
27
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Talleyrand - Pvrigord (Fürst von) 27

schloß die Allianz Ludwigs XVIU. mit den verbündeten Machten ab. Vergebenshatte ihn Napoleon 1815 wieder in sein Interesse zu ziehen gesucht. Am 8. Juli1815 ward ihm wieder die Leitung der auswärt.Angeleg. nebst dem Vorsitz im Mi-nisterium ertheilt; weil er aber den sür Frankreich so nachtheiligen pariser Vertragvom 20. Nov-1815 nicht unterzeichnen wollte, so nahm er s. Entlassung. NachFlaffan führte T.'s Rücktritt zum Abschlüsse des Friedens. Denn Alexander, derwegen jener Allianz T. mit Mißfallen an der Spitze des Ministeriums sah, erklärte,daß, wenn man T. entfernte, er dahin wirken wollte, daß lOOMill. an der verlang-ten Kriegscontribution erlassen würden. Ludwig theilte dies T> mit, worauf der-selbe s. Stelle niederlegte, die der Herzog v. Richelieu erhielt. Da ihn jedoch Lud-wig XVlll. zu s. Oberkammerherrn ernannte, so behielt der Fürst v. T. stets Zutrittbei Hofe und versah diesen Posten bei allen großen Staats - und Hoffeierlichkeiten;auch blieb er Mitglied des königl. geheimen Raths. Dagegen behandelte ihn Napo-leon in seinen Mittheilungen von St.-Hclena her auf das herabwürdigendste. Aucham Hofe Ludwigs XVIU. hatte er eine mächtige Partei gegen sich. Endlich suchteman ihn als angeblichen Thsilnehmer an der Ermordung des Herzogs v. Enghienzu stürzen. Hr. v. Savary (s.d.) deutete öffentlich T.'s Mitschuld an; der Fürsterwiderte nichts als das Stillschweigen der Verachtung, erklärte sich jedoch darüberin einem abschriftlich in Paris bekanntgewordenen, aber nicht gedruckten Rechtferti-gungsschreiben, welches an Ludwig XVIU. gerichtet war. Dem leichtsinnige An-kläger ward der Hof verboten. Auf dem diplomatischen Leben des Fürsten T.ruht noch manches Geheimniß. So große Talente dieser Staatsmann auch besitzt,so gehört er doch zu denjenigen Menschen, welche das Leben durch mancherlei wech-selnde Bestrebungen am Ende nur zu deutlicher Selbstsucht führte. Das wahreGefühl für Freiheit, das ihn in früherer Zeit beseelte, war nicht stark genug, umnicht den Begebenheiten zu weichen; ebenso wenig Stand hielt das Vorbild vater-ländischer Größe, das ihm unter Napoleons Herrschaft seine Dienstthätigkeit ver-edeln sollte; es blieb ihm zuletzt keine Triebfeder mehr als sein persönlicher Nutzen;so ward er für diesen Zweck ein Diener der Bourbons, wie er vorher ein DienerNapoleons gewesen war. Je mehr er früher den Druck der Armuth gefühlt hatte,desto entschiedener bestimmte jetzt die Sucht nach Geld die Hauptrichtung seinesHandelns. Im Umgänge zeigt er viel von dem Wesen eines Priesters: daher Ver-schlossenheit, ruhige Verstellung, schwerer Ernst, ohne geistreiche, gesellige Leichtig-keit, wie alles dies bei Leuten gewöhnlich ist, deren innerer Überlegenheit das äußereAuftreten ihrer Person nicht entspricht. Als Diplomatiker ist er einsylbig, an tref-fenden Stachelworten reich und in s. wahren Meinung unergründlich. Den Ver-trag vom 20. Nov. 1815 hat er laut getadelt. Wie jedoch die Menschen, wenn sieaufhören, sich von sogen, schwärmerischen Ideen beherrschen zu lassen, diesen darumnoch gar nicht entsagt zu haben brauchen, so neigt auch T. mit Vergnügen sich zuden Richtungen s. Jugend und hat, inmitten alles Wechsels, sür die ersten Ideeneiner freien Verfassung eine starke Vorliebe bewahrt, die ihn auch oft in s. Urtheilenleitete. Auf gleiche Weise ist er ein Freund seiner Freunde mit aufrichtigem Herzen.Schriftsteller und Gelehrte hat er unter allen Umständen für sich zu gewinnen ge-sucht. Die umfassende, ruhige Übersicht seines Geistes, die Richtigkeit seines Blicksund die kundige Erfahrenheit im großen Gange der Geschäfte würden ihn den letz-tem Zeiten bedeutender gemacht haben, wenn nicht sein verschlossenes Wesen, seineanscheinende Gleichgültigkeit und s. Ränkesucht ihm die Achtung der Vaterlands-freunde entzogen, und sein früheres Leben ihn selbst den Bourbons, die ihm übrigensviel zu danken haben, zweideutig gemacht hätten. Er arbeitet wenig und ungern,und sein größtes Talent besteht darin, Andre arbeiten zu machen; selbst bedeutendeMänner weiß er in dieser Hinsicht seinen Zwecken glücklich unterzuordnen. Dochversteht er besser, die aus s. Seite wirkenden Menschen als die ihm gegenüberstehen-