Tableaux 3
wahre Tableaux bildeten. In der neuern Zeit war unstreitig Lady Hamilton(s d.) die eigentliche Erfinderin jener Darstellungen, die aber mehr Attitüden(s. d.) als Tableaux zu nennen waren, da sie nur zu zweien derselben noch ein jun-ge« Mädckcn zu Hülfe nahm, sonst aber immer allein stehend, mehr einer Statueals einem Gemälde glich. Hierauf richteten die berühmten mimischen Darstellun-gen der Mad. Händel - Schütz sowol als des Herrn v. Seckrndorff (Patrik Peale)die Aufmerksamkeit immer mehr auf diese Kunstleistungen; auch wurden sie durchdie Winke, welche Göthe in den „Wahlverwandtschaften" darüber gibt, befördertund seit 20 Jahren in Deutschland beliebt. Es gibt sehr verschiedene Arten vonTableaux, und es kommt hauptsächlich darauf an, ob Kunstliebe oder Eitelkeit,Schönheitssinn oder Sucht zu glänzen, sie anordneten, ob wie uns durch sie indie Werkstatt eine« sinnigen Künstlers versetzt finden sollen, auf dessen Wink immerneue, ausdrucksvolle Gruppen sich ordnen, oder in die Prachtsale einer reichenGalerie, wo wir vor wohlbekannten Bildern zu stehen wähnen, während lebendigklare Augen uns.ai.-S dem alrccthümlichen Schmuck emgegenleuchten. Etwas wun-derbar Aussetzendes und Überraschendes haben alle solche Tableaux. Der tiefsteGrund davon liegt wol darin, daß gewöhnlich jedes durch lebenden Stoff gebildeteKunstwerk in das Gebiet der Zeit gehört und sich allmalsq forlschreikend entfaltet,sodaß nur der Geist den Überblick dafür gewinnt, nicht die Sinne; so die Tonkunst,die Schauspielkunst, die Redekunst, die Tanzkunst u. s. w- Der Raum scheintdiese Lustgebilde der Zeit anzufeinden, und ihnen nur dann eine bleibende Stellezu gönnen, wenn sie sich des Lebens entäußern, und das todte Zeichen, der Buch-stabe, sie festhält. Freundlich nimmt dag-gen das Gebiet des Raumes AllcS auf,was die Kunst aus todtem Stoffe bildet und mit geistigem Leben beseelt; in nie'welkender Jugend trotzt dieses dem zerstörenden Einflüsse der Zeit, der es ohnehinnicht mehr angehört. In der Mitte zwischen beiden Gattungen von Kunstgedildenstehen solche lebende Tableaux. Viele tadeln dies gerade daran wo! ungerechter-weise zu hart; denn es ist eine ganz falsche Ansicht, wenn man die Ruhe einersolchen Darstellung einen erzwungenen Scheintod nennt und sie wo! gar mit demschauerlichen Scheinleben der Wachsfiguren vergleicht. Es ist hier kein Ersterben,sondern ein Beleben; die Wellen des bewegten Lebens sind wie durch Zauberkraftfestgehalten in künstlerisch geordneter Schönheit, und wie die Sterne sich am rein-sten in der ganz stillen Wasserfläche spiegeln, so leuchtet der innigste Ausdruck desGemüthes durch j-ne magische Ruhe. Dies ist wol der schönste Mittelpunkt dieserArt von Kunstschöpsungen. Die Belebung einer zuvor starr gehaltenen Form durchden erwachenden Ausdruck des AugeS und der Züge. und die Erstarrung der zuvorbelebten Form in scheinbare Versteinerung, sind die beiden Pole solcher Darstellun-gen. Auch hat man versucht, Beides durch eine Folge von Momenten zu verbinden,in welche die dazu angewendeten Figuren auf ein gegebenes Zeichm übertreten.Wenn strenge Kunstlichter sie. nicht als echte Kunstwerke anerkennen wollen, weilsie den Übergang bilden aus den Schöpfungen der Zeit in die Schöpfungen desRaumes, so sollten sie bedenken, daß es in Allem, was Natur und Kunst bieten,solche verschmelzende Übergänge gibt, und daß diese stets einen eignen Zauber fürdie Gemüther haben. Die Zeit übt freilich ihr Recht schnell und streng auS, dennnur wenige Minuten kann ein solches Tableaux bestehen; aber wie schnell war esauch erschaffen, wie leicht ordnet es sich ein zweites und drittes Mal! Was es anden Idealen der Form entbehrt, das gewinnt es durch die kunstvoll geordnete Be-leuchtung , die man dem wirklichen Gemälde selten so vollendet zu geben vermag,durch die plastische Rundung der Formen, durch dieWärme der innern Lebensglut.Von einer andern Seite tadelt Böttiger in der „Abendzeitung" (1819, St. 126)dieTMeaux, insofern durch Zulirmmengruppirungen lebendiger Figuren, welcke
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