62 Zweites Buch.
II.
Reise der Eltern Jesu von Nazarcth nach Bethlehem zur Schätzung.
<Luk. 2. 1 — 20.)
Nur einige Monate hatte Maria nach ihrer Rückkehrvon ihrer Freundin Elisabeth ruhig und in stiller Erwartungihrer Niederkunft in Nazareth gelebt, da mußte sie gegen das 'Ende ihrer Schwangerschaft eine neue, fast eben so weite Reise (als die vorige war, antreten, doch nicht allein, sondern inBegleitung ihres Gatten Joseph. Die Veranlassung zu die- ^ser Reise gab ein Befehl des römischen Kaisers Augustus, des ^Oberherrn von -Palastina, der damals eine allgemeine Volks- ^zählung in seinem Reiche angeordnet hatte, bei welcher der!Name eines jeden Familienhauptes, dessen Alter, die Zahl der ^Glieder seiner Familie und der Bestand seines Vermögensaufgezeichnet wurde. Da die Juden einen großen Werth aufdie Abstammung legten und ihrem Geschlechtsregister sehr an- ^hingen, so wurde in Palästina jene Zählung so ausgeführt,^daß ein Jeder an dem Orte, wo sein uraltes Geschlecht sei-nen Ursprung genommen hatte, sich aufzeichnen lassen mußte.Maria also und Joseph, die beide aus dem Geschlechte Da-xvids abstammten, waren genöthigt, sich nach Bethlehem zubegeben, um dort sich in das allgemeine Verzeichniß eintrage»zu lassen. Wenn Maria nicht einziges Kind ihrer Eltern ge-wesen wäre, so hätte sie diese Reise zu unternehmen nicht nö-thig gehabt; denn Frauenzimmer wurden nur alsdann mit auf-gezeichnet, wenn sie keine Bruder hatten und die Hinterlassen-schaft der Eltern daher ihnen zu Theil wurde.
Diese Reise ging in derselben Richtung, welche die vorigehatte, durch einen großen Theil von Palästina. Einige Tagewaren erforderlich, um sie zu vollenden, und beide Gattenlangten wohl nicht ohne manche Beschwerde in Bethlehem an,da Maria ihre Niederkunft in Kurzem zu erwarten hatte. Umso unangenehmer mußte es ihnen seyn, daß sie in der kleinenStadt kein Unterkommen finden konnten. Die Nachkommen-schaft des Königs David war noch so groß und der Zusam-menfluß von Fremden so stark, daß alle Wohnungen schonbesetzt waren. Wirthshäuser gibt es in dem Morgenlande