Druckschrift 
Festpredigten
Entstehung
Seite
456
Einzelbild herunterladen
 

456

der Willkühr weniger zu dienen, und an diesen Dienstselbst ihr Blut zu setzen, wenn zermalmendes ElendEinen nach dem Andern ergreift, wenn feindselige Um-stande , in wildem Zusammentreffen, über alles Ver-derben verbreiten, wenn die Armuth verschmachtet ne-ben dem schwelgenden Reichthum, wenn die Ueppigkeitund der Aufwand Einzelner die Uebrigen zu hartenAnstrengungen und bittrer Noth verurtheilt? Wahr-lich, m. Br-, da wird es uns schwer, groß von dermenschlichen Natur zu denken; da wird es uns schwer,in den Menschen Geschöpfe zu erkennen, die auf Aus-zeichnung Anspruch machen können; da verschwindetder Glanz ihrer Vorzüge vor der Dunkelheit ihres Zu-standes, vor der Schmach, die sie bedeckt. Was soll,was kann hier die Ehre unsrer Natur retten?Etwa die Fähigkeiten derselben, die so oft undso schändlich gemißbraucht werden? Etwa die Tha-ten, wodurch Einzelne groß sind, um die anderndesto mehr zu verdunkeln? Etwa die Macht, dieEinzelne umgibt, damit die anderen ihre Knechteseyen? Etwa die Geschicklichkeiten, die Künste, dieErfindungen, die im Dienste der Sinnlichkeit stehen?Nein, was die Ehre unsrer Natur rechtfertigen soll,das muß aus derselben hervorgehen; es muß das all-gemeine Eigenthum derselben, es muß jedem erreich-bar seyn; es muß eine innere Erhabenheit besitzen,die durch keine äußerliche Umstände vermindert werdenkann; mit Einem Worte, es muß vom Geiste kom-men, es muß die Macht des Geistes verkündigen.Wo der Geist sich erhebt, sich behauptet und das Voll-'