Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
627
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ansteht, und muß gerade nur ss vielPersonen wählen, als dazu nothigsind, ohne sich darum zu bekümmern,ob würklich bei) der Handlung meh-rere zugegen gewesen. So sind z. B.bcy der Kreuzigung Christi viele tau-send Zuschauer gewesen. Der Möh-ler aber, der nun nicht die äußerli-chen Umstände dieser Handlung, son-dern nur eine gewisse Würkung, dieein besonderer Umstand auf gewissePersonen gehabt hat, uns will em-pfinden lassen, kann ohne Bedenken! von der ungeheuren Menge der Zu-schauer nur die, die ihm nothig sind,vorstellen. Es wird ihn kein Ver-ständiger tadeln, als wenn es unna-türlich wäre, daß er so wenig Perso-nen auf die Sccne geführt hat.

Eue Mahler ohne Genie rafft soviel körperliche Materie zusammen,als er nur kann, um das Auge an-zufüllen; der' große Mahler sucht diekleinste Anzahl Personen, die nurmöglich ist, weil er an einer einzigenPerson viel auszubrüten hat. DerDichter braucht oft zum Ausdrukdes höchsten Affekts die wenigsten! Worte; und so kann der Mahler ei-ne an Empfindung sehr reiche Sccnedurch die wenigsten Umstände vor-stellen.

Man hat alte Münzen, auf denenrömische Kaiser vorgestellt sind, dievon dem Rcdncrstnhl eine Anrede anihr Heer halten. Das ganze Heerwird oft durch wenig Befehlsha-ber vorgestellt; denn wozu nützte esi ein ganzes Heer vorzustellen? Ge-setzt, daß der Mahler historisch vor-stellen wollte, wie Cäsar, nachdemer über den Rubicon gegangen, sei-nem Heere Much zu machen, eineAnrede an dasselbe gehalten. Wennnun seine Absicht dabei) nicht ist, die-se Handlung des Gepränges wegenvorzustellen, oder uns diese Sccneganz übersehen zu lassen, sondernnur die zuversichtliche Kühnheit desFeldherr«, und die Würkung derselben

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auf seiue Unterbefehlshaber, so ver-geben wirs ihm gar gerne, daß eruns nur wenig Personen in der Nä-he des Redners vorstellt, und dasganze Heer etwas in der Entfernungnur andeutet, oder gar durch etwasHervorsichendesbcdttet. Der Mah-ler muß es sich zur Hauptregel ma-chen, nur das Nothwendigc in seinEemählde zu bringen.

Nachdem der Inhalt, die Scene,die Personen und die Bezeichnungder Sachen völlig berichtiget sind,hat nun der Künstler an das We-sentliche, nämlich den wahren Aus-druk der Sachen zu denken, um dcs-sentwillen alles andre veranstaltetworden. Da muß er vor allen Din-gen sich selbst erforschen, was er inseiner Geschichte fühlt, was ihn anden Personen, die er in der Phan-tasie schon vor sich sieht, rühret:und dieses muß er uns so lebhaftvorstellen können, daß wir in diesel-ben Empfindungen gerarhen, die erin sich wahrnimmt. Er kann aberimmer , voraussetzen, daß das Ge-mahlde, welches er auf die Lein-wand bringt, nie so lebhaft seynwerde, als es wirklich in seinerPhantasie liegt; denn auch der ge-schiktestc Künstler wird selten allesausdrüken können, was er innerlichsieht. Darum kann er nicht erwar-ten, daß die, für welche er arbeitet,eben so stark von seiner Arbeit wer-den gerührt werden, als er selbffvon der Vorstellung derselben ge-rührt ist: und dieses muff ihm dieKlugheit geben, nichts zu bearbei-ten, bis er eine Vorstellung davonentworfen hat, deren Würkung nochimmer interessant bleibet, wenn sieauch noch etwas geschwächt würde.Nach einer guten und glüklichen Er-findung des Gemähldes ist nichts sowichtig, als der redende Ausdrukder Figuren. Nur das Eemähld istvollkommen, in dem jede Figurdurch ihre Stellung, Ecbchrdung

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