Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
628
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und Gesichtsbildung wahrhaftig re-dend ist, und uns sogleich das, wasin ihrem Innern vorgeht, entdckcnlaßt.

Man sieht hieraus, wie höchstschwer es sey, ein vollkommenes hi-storisches Gcmahldc zu machen. DerHisioricnmahler muß nicht blos, wieein andrer Mahlcr, eine reiche undmir allen 'Annehmlichkeiten erfülltePhantasie besitzen, nicht blos Zeich-nungen, Colorit und alles, was zurAusführung gehört, in seiner Ge-walt haben. Durch diese Talentewürde er wol in Stand gesetzt, natür-liche Vorstellungen zu machen; aberdie innere Kraft des historischen Ge-mahldcs erreicht er dadurch nicht.Wir wollen nicht Menschen sehen,wie wir sie täglich zu sehen gewohntsind; nicht sittliche Gegenstande, wiesie uns immer vor Augen kommen,und die dcßwegen nicht mehr intc-ressircn. Wir erwarten Sachenvon ihm, die unfern Verstandes-und Eemüthskraften einen starkemSchwung geben. Er soll uns mitMenschen bekannt machen, die wirihres Charakters halber bewundern,oder die uns wenigstens sehr interes-sant sind. Darüm muß er, so wieder Dichter, ein Mann von großemVerstand, und von vorzüglichen Ge-müchskräftcn seyn. Denn, was erselbst nicht zu fühlen im Stand ist,wird er gewiß uns nicht empfindenmachen. Cr muß ein Philosoph seyn,der gewohnt ist, das Genie und dieCharaktere des Menschen zu erfor-schen, ihre Urthcilc, Gesinnungenund Leidenschaften gegen einanderabzuwiegen. Ihm müssen Menschenvon höherm Geist, und überwiegen-den Scelenkraftcn bekannt seyn, undihrcStarke muß er können empfindbarMa tzen.' Wer nicht zuversichtlichempfindet, daß er das Große undKleine in der Gemüthsart der Men-schen und. in ihrer Art zu handeln zubcurtheilea vermag, der muß sich

nicht mit dieser Gattung derMahle-rey abgeben.

Nimmt er seinen Inhalt aus ent-fernten Geschichten und ans frem-den Landern, so muß er eine genaueKenntniß der Sitten und der Ge-brauche des Landes haben, dahin erseine Scene versetzt, damit er, wieoben an einem Bcyspiele gezeigetworden, alles genau bezeichnen undauch richtig abbilden könne. BloSdas Studium dessen, was man dasUcblicbe (Costume) *) nennt, erfo-dcrt langen Fleiß und viel erworbeneKenntniß. Je genauer der Mahler.von den Sitten und Gebrauchen derNationen unterrichtet ist, je leichterwird es ihm seinen Inhalt verständ-lich zu machen. Es giebt aber auchetwas Nationales in der Bildungder Menschen, und vielleicht auch inder Stellung und in den Bewegun-gen. Ein feines Auge unterscheidetgar oft den, ihm unbekannten, Eng-länder, Franzosen odcrItaliäner un-ter den Deutschen; und so sieht manin den Antiken, wenn man auch aufdie Gewänder und andre Nebensa-chen gar nicht achtete, andre Gesich-ter, andere Stellungen und Geb.hr-den, als die sind, die man gegen-wärtig in der Natur antrifft. DieFiguren in den Werken der römi-schen Künstler unterscheiden sich,auch in diesen Stüken, von denen,die man in den griechischen Werkensieht. Dergleichen Sachen muß derHistorienmahler genau bemerkt ha-ben und in der Zeichnung auszuden-ken im Stande seyn.

Wenn man sich alles, was zu ei-nem vollkommenen historischen Ge-mählde gehört, vorstellt, so wirdman sich nicht wundern, daß es sohöchst selten ist, ein untadelhastesWerk in dieser Art zu sehen.

Ausser

S. liebliche.