Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
584
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worden, kennen; aber es wirb ihmnichts helfen, wenn er schon weiß,daß Idyllen Gemahlde aus der un-verdorbenen Natur sind, daß dieSitten und Empfindungen der Hir-ten von allem gcrciniget scyn müs-sen, was bcy polizirteu Volkerninner den Namen der Gebrauche, desWolstands, der Politcsse und der-gleichen , die freyen Würkungcn derNatur hindert; daß sie von unfernchimärischen Gütern nur keine Ideenhaben müssen; daß sie nichts davonwissen, sich der zärtlichen Empfin-dungen zu schämen, wodurch derSchöpfer die Menschen unter einan-der aufs engeste zu verbinden gesuchthat; mit einem Wort, daß sich inihren Empfindungen , Sitten, Ge-wohnheiten und in ihrer ganzen Le-bensart die nakte Natur ohne alleKunst, Verstellung, Zwang oder an-dre Verderbniß zeigen muß: wenner schon alle diese Regeln weiß, sowird er doch unfähig bleiben, seineVorgänger nur zu erreichen, ge-schweige dann zu übertreffen, wennihn nicht sein eigner ungekünstelterCharakter, und ein unverdorbnerEcschmak und eine besondere Zärt-lichkeit der Empfindung die Anlagezu den Gemählden, die er schildernsoll, in sich selbst finden lassen."

Diese Dichtungsart übertrifft alleandern an angenehmen und sanftenGegenständen. Was in der leblo-sen , in der thierischen und sittlichenNatur den meisten Reiz hat, ist ge-rade der Gegenstand der Hirtcnge-dichte. Wer glükliche Länder kennt,wo ein sanftes Clima und eine Man-nigfaltigkeit von abwechselnden Ge-genden, alle Reize der Natur in vol-lem Rcichthum verbreiten; wo einfreyes, durch unnatürliche Gesetzenicht verdorbenes Volk, das blosdie wenigen Bedürfnisse der Naturkennt, zerstreut, ein harmloses undunschuldiges Leben führet: der weiß,was für Erquiknng die Seele genießt,

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wenn man von Zeit sn Zeit das,durch so manchen Zwang mühsamgewordene. Leben der bürgerlichenWelt verlassen, und einige Tage un-ter solchen Schülern der Natur, wieHalter sie nennt, zubringen kann.In solche Gegenden und unter einsolches Volk versetzt uns der Hirten-dichter; dadurch verschafft er unsviel selige Stunden des sanftestenund unschuldigsten Vergnügens; erlehret uns Gemüthcr kennen, undmacht uns mit Sitten bekannt, dieuns den Menschen in der liebenswür-digen Einfalt der Natur zeigen. Dalernt man fühlen, wie wenig zumglücklichen Leben nothig ist. WasRousseau mit seiner bezauberndenBeredsamkeit nicht ausrichten konn-te, die Welt zu überzeugen, daß derMensch durch übclansgedachtc, un-natürliche Gesetze, lasterhaft und un-glücklich werde, das kann der Hirten-dichter uns empfinden lassen.

Aber ist es nicht eine Grausamkeit,die Menschen eine Lebensart und eineGlückseligkeit, die sie unwiederbring-lich verloren haben, wieder kennenzu lehren? Nein. Der Unglücklichehält es nicht für ein Unglück, we-nigstens angenehme Träume zu ha-ben. Und dann ist das Urtheil derVerdammnis; vielleicht noch nicht sounwiederrnflich, wenigstens nicht überalle einzele Menschen ausgesprochen.Vielleicht daß auch die sanften Ein-drüke der Hirtenpocste überhauptmanches nur durch Vornrtheile ver-wilderte Gcmüth wieder zu besänf-tigen vermögen-

Es gehört aber sehr viel dazu, indieser Dichtungsart glüklich zu seyn.Man muß nicht nur, wie Theokritoder Geßner, in einem mit allenSchönheiten der Nacur geschnncktcnLande leben, und ein glückliches Volkkennen; man muß eine Seele haben,die die harte Schaale, den Schorfsder bürgerlichen Vornrtheile. abge-worfen hat, und die Natur in chrer