Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
500
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Die epische Behandlung des Stöfs,in so fern sie von der historischen ver-schieden ist, verdienet besonders inBetrachtung gezogen zu werden. DieAbsicht des Geschichtsschreibers ist zuunterrichten: darum verfahrt er so,als wenn die, für welche er schreibt,noch nichts von der Sache wüßten.Der Dichter aber kann schon voraus-sehen, daß seinem Leser die Geschichteder Handlung bekannt sey. SeinEndzwck ist nur, das, wovon wirbereits historisch unterrichtet sind,uns so vorzuzeichncn, wie es unsam lebhaftesten rühret. Darumkann er ohne Vorbereitung mitten inseine Materie hercintreten. Wir wis-sen überhaupt schon, daß die Sa-chen, die er uns erzahlt, geschehensind; die Hauptumstande sind unsbereits bekannt: er sorget also nurdafür, daß wir alles in dem Ge-sichtspunkt , in der Ordnung und indem Lichte sehen, wie der lebhaftesteEindruk es erfodcrt. Darum schil-dert er alles weit umständlicher undlebhafter, als der Gcschichtschrciber.Er berichtet uns nicht überhaupt,und in seiner Sprache, oder in sei-nem eigenen Ausdruk, wer die Per-sonen sind, und was sie geredet undgcthan haben, als wenn die Sachennun schon lange vorbei) waren; son-dern er führet uns jede vor Augen,daß wir uns einbilden sie zu sehen;erlaßt sie vor unfern Augen handeln,daß wir jede Bewegung zu sehen undihre Reden selbst zu hören glauben.Bey interessanten Gegenständen ord-net er, ehe er noch die Personen han-deln läßt, den Ort der Scene, undalles sichtbare, so an, daß wir nun,ohne die Einbildungskraft -weiter an-zustrengen , alle Aufmerksamkeit aufdas richten, was geschieht. Hat eruns etwas zu beschreiben, so wähleter die lebhaftesten Farben, und woes nöthig ist, braucht er Gleichnisseüber Gleichnisse, um alles in völli-gem Leben darzustellen. Das epische

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Gedicht liegt in der Mitte zwischender historischen Erzählung und demDrama.

Hiczu gehört insbesondere die her-vorstechende Schilderung der Haupt-personen und der Hauptsachen, wo-durch der epische Dichter sich vor-nehmlich unterscheidet. Seine vor-nehmste Absicht ist, uns mit ganzmerkwürdigen Personen vollkommenbekannt zu machen, ihre Sinnesart,ihre Handlungen und Thatcn unsganz in der Nähe sehen zu lassen, undfolglich auch die Gegenstände, dieauf sie würken, nahe vor unser Ge-sicht zu bringen. Nähme man diesegenauen Schilderungen weg, so wür-de man das epische Gedicht beynahczur historischen Erzählung machen.Sie sind also ein ganz wesentlicherTheil dieser Dichtungsart; und dar-in zeiget sich der Dichter fürnehmlichals einen Mann von Genie und alseinen Kenner der Menschen, daß erjede Hauptperson nach ihrem cigen-thümlichen Charakter und besondererGemüthsart, nach ihrem Tempera-ment und ihren eigenen Grundsätzenhandeln läßt. Wir lernen die Per-sonen nicht durch Beschreibungen ih-rer Gemüthsart, sondern durch ihreHandlungen und Reden kennen. Sosind die Schilderungen der Helden,die Homer aufführet. Jeder hat sei-nen besondern persönlichen Charak-ter und sein von allen andern aus-gezeichnetes Genie, die sich bey jederGelegenheit, es sey durch Reden,oder Handlungen, auf das deutlich-ste zeigen. Jeder bleibet durch dieganze Handlung, und bey so viel-fältigen Gelegenheiten, sich so voll-kommen gleich, daß man ihn sogleich erkennt; weil man alles, waser spricht und thut, keinem andern,als ihm selbst zuschreiben könnte.

Es ist unnöthig zu erinnern, daßausnehmende und seltene Beurthci-lungskraft, Kenntniß dcsMenschen,und eikt Genie, das sich nach jeder

Form