474 Har
welche von beyden der wichtigereTheil der Kunst sey; so wie in derMahlcrey über die Frage, ob dieZeichnung, oder das Colorit, denersten Rang habe, vielfältig gestrit-ten worden. Die Entscheidung die-ser Frage sollte keinem Zweifel unter-worfen scyn; da itzt ausgemacht ist,daß die Musik lange Zeit ohne Har-monie gewesen. Kann man in Ab-rede seyn, daß ein Tonstük nur durchdie Melodie der Rede ahnlich werde,und daß sie auch ohne Wörter wieEmpfindungen des Singenden zu er-kennen gebe? Der Ausdruk und be-sonders der Grad der Leidenschaftkann doch schlechterdings nur durchden Gesang und Takt fühlbar ge-macht werden. Welcher Tonsetzerwird sagen dürfen, daß ihn die Re-geln der Harmonie jemals auf Erfin-dung eines glükttchen Thema, odereines Satzes geführt haben, der aufdas genaueste die Sprache irgend ei-ner Leidenschaft ausdrükt? Dasje-nige also, was das Tonstük zu einerverstandlichen Sprache eines Em-pfindung äußernden Menschen macht,lst unstreitig von der Harmonie un-abhänglich. Und trifft man nichttäglich von selbst gelernten Tonsctzernrecht sehr schöne Sache» an, die we-nig von Behandlung der Harmoniewissen?
Wenn wir der Melodie den Vor-zug über die Harmonie einräumen, sowollen wir deßwegcn die Wichtigkeitder Harmonie nicht streitig machen.Wir haben schon erinnert, daß mehr-stimmige Sachen, Duette, Trio,Chöre, unter die wichtigsten Werkeder Musik gehören. Nun kann einMensch das größte Genie zu melodi-schen Erfindungen haben, und dochnicht im Stande seyn, vier Takte ineinem Duet oder Trio richtig zu setzen.Denn hiezu ist die genaueste Kennt-niß der Harmonie unumgänglichnothwendig. Aber auch außer die-sen Fällen, wo nur eine einzige Me-
H ak
lodie vorhanden ist, wie in Arien,ist die Kenntniß der Harmonie ent-weder nothwendig, oder doch vongroßem Nutzen. Nothwendig ist siezu solchen Stüken, wie die heutigenOpernarien sind, da ein kurzer melo-discher Satz, der den wahren Aus-druk der im Text geäußerten Em-pfindung enthalt, etwas ausführlichmuß behandelt und durch eine guteModulation in verschiedenen Schat-tirungen vorgetragen werden. OhneKenntniß der Harmonie hat keineModulation statt; und jedermannempfindet, wie kraftig bisweilen derAusdruk selbst durch die Harmonieunterstützt werde. Nicht selten ge-schiehet es, daß gewisse tief ins Herzdringende Töne ihre Kraft blos vonder Harmonie haben; wie aus ver-schiedenen chromatischen und enhar-inonischen Gangen könnte gezcigetwerden, wo es ohne gründliche Kennt-niß der Harmonie nicht möglich ge-wesen wäre, selbst in der Melodieauf die Töne, die eben die nachdrük-lichsten sind, zu kommen.
Uebcrdem ist es, doch unleugbar,daß auch schon in der Harmonicselbsteinige Kraft zum Ausdruk liege.Ein starker Harmoniste kann, ohneMelodie, Bewegung und Rhyth-mus, viel Leidenschaftliches ausdrü-ken und das Geinüth auf mancher-lcy Art in Unruhe setzen oder besänf-tigen. Sind nicht bisweilen cinzeleTöne, die der Schmerz, oder dasSchrcken, oder die Verzweiflung er-preßt, so kräftig, daß sie ins Inner-ste der Seele dringen? DergleichenTöne können schlechterdings nurdurch künstliche Harmonie nachge-ahmt werden; denn ihre Kraft liegtallemal in dem, was sie Dissoniren-des haben. Ein einziger Ton einerreinen Sayte, ist allemal angenehmund ergötzend; aber eine nicht reineSayte kann einen nicht blos unan-genehmen, sondern würklich lei-denschaftlichen Ton hören lassen.
Nun