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In Raphaels Geschichte der Psycheerscheinet diese Braut des Amorsmehr als einmal in einer Haltung,die uns ein höchst naives und lie-benswürdiges Wesen in ihrem Cha-rakter lebhaft empfinden laßt. Inden zeichnenden Künsten ist die Voll-kommenheit der Haltung das Höch-ste der Kunst, weil sie den Figurendas Leben giebt, und durch diesesLeben die Seele sichtbar macht. Inden mimischen Künsten ist sie es al-lein , die uns anstatt des Schauspie-lers oder Tanzers die Personen selbst,die sie vorstellen, vors Gesicht bringtund die höchste Täuschung bcwürkt;in dem Vortrag der Rede aber könn-te sie allein, wenn auch die Worteunvcrnehmlich waren, die Ucbcrzeu-gung bcwürken.
Aber dieser Theil der Kunst liegtganz außer der Kunst; nicht derKünstler, sondern der Mensch vonempfindsamer Seele, der jede Acus-scrung des unsichtbaren Wesens, dasden Körper belebt, zu bemerken undan sich selbst zu empfinden vermag,sieht den Charakter und den besonde-ren, aus der Empfindung entstehen-den, inneren Zustand des Menschenin der Haltung des Leibes. Nichtdarum, weil Phidias ein Bildhauerwat, konnten die Griechen etwas vonder Majestät der Gottheit in dem Bil-de seines Jupiters fühlen, sonderndarum, weil ex seine Seele zur Em-pfindung der Hoheit des göttlichenWesens erheben konnte. So zeigetein Garrik jeden Charakter und jedeEmpfindung in der Haltung des Lei-bes, nicht weil er ein gelernterSchauspieler ist, sondern weil er einAuge hat, das jeden Winkel desmenschlichen Herzens durchschauet,und ein Her;, das selbst alles em-pfindet, was ein menschliches Ge-müth zu empfinden vermag.
Darum würde der Künstler diesenwichtigen Theil vergeblich durch Un-terricht zu lernen suchen; er muß ihn
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ganz durch sich selbst haben. DieKunst dienet blos dazu, daß mandas, was man selbst richtig bemerkt,und lebhaft empfindet, ausdrukenkönne; dieses Sehen aber und Em-pfinden muß der Kunst vorhergehen.Ein großer Geist, ein wahrer Ken-ner der Menschen, der, dem in dersittlichen Welt nichts unbemerktbleibt, hat die Anlage durch dasStudium der Kunst groß zu werden;und wenn diese Anlage durch dieVollkommenheit Veräußern Sinnen,durch anhaltende Uebung derselbenunterstützt worden, so ist der großeKünstler gebildet; er ist allemal einscharfer Beobachter und ein großerKenner der Menschen.
Haltung.
(Mahlerey.)
N?an sagt von einem Gemähld, eshabe Haltung, wenn jeder Theil inAnsehung der Tiefe des Raumes,oder der Entfernung vom Auge, sichvon den neben ihm stehenden merk-lich absondert, so daß die nahen Sa-chen gehörig hervortreten, die ent-fernten, nach Maaßgcbung der Ent-fernung, mehr oder weniger zurükeweichen. Es ist die Würkung derHaltung, daß eine flache Tafel einentiefen Raum vorstellt, daß eine ge-mahlte Kugel nicht wie eine zirkel-runde Fläche, sondern wie ein dikerKörper erscheinet. Hingegen machtder Mangel der Haltung alles flach,so wie ein runder Thurm von Ferneals eine flache Mauer erscheinet.Demnach ist die Haltung das, waseigentlich dem Gemähldc das Lebenund die wahreNatur giebt; weil oh-ne sie kein Gegenstand als ein würk-licher Körper erscheinen kann, son-dern ein bloßes Schattenbild ist.
Sic hangt von vielerlei) Ursachenab: von der perspektivischen Zeich-nung; von der Luftpcrspektiv; vondem einfallenden Lichte; von der
Stärke