Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
436
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4ZÜ G r o

Groß; Größe.

(Schöne Künste.)

Es ist schwer zu bestimmen, vonwas für einer Beschaffenheit die Ge-genstände scyn muffen, denen maueine ästhetische Größe zuschreibet.Ucberhaupt scheinet es, daß der Be-griff der Größe alsdenn entstehe,wenn wir unsre Vorstellungskraftoder unser Gefühl gleichsam erwei-tern müssen, um einen uns vorkom-menden Gegenstand auf einmal zufassen, oder zu empfinden. Manmuß das Auge weiter öffnen um ei-nen großen Gegenstand zn übersehen,und die Aerme weiter ausspannenum einen großen Körper zu umfassen.Etwas ähnliches geht in der Vor-stellungskraft vor, wenn sie aufgroßeästhetische Gegenstände gerichtet ist;man empfindet dabey etwas, dasman eine weitere Ausdehnung derSeelcnkrafte nennen möchte.

Daher können wir dieses zumMerkmal der ästhetischen Größe se-tzen, daß sie ein Bestreben in uns er-weket, der Vorstellungskraft, oderder Kraft zu empfinden, eine weite-re Ausdehnung zn geben, um dieGröße des Gegenstandes auf einmalzu fassen. Alfo ist es nicht die Stär-ke jeder Art des Eindrnks, oder derKraft die wir empfinden, die den Be-griff der Größe erwckt, sondern diebesondere Würkung, die das Gefühleiner Ausdehnung unsrer eigenenKraft hervorbringt. Das Gcmahl-de des Euripides von dem Tode desAlcestis, das wir anderswo ange-führt haben *), ist ausnehmend rüh-rend und hat sehr starke Kraft aufdas Gemüth; doch wird es Nie-mand groß nennen: hingegen füh-let man bei) den wenigen Worten,die derselbe Dichter der Macaria inden Mund leget**), etwas, wofürsich das Vcywort Groß am besten

') S. I, Tb.'Ausbildung S.-;z,

*') S. U Th. Art. Euripides S.

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schiket. Indem wir uns bestreben,das, was Macaria in diesem Augcn-blik empfindet, auch in uns zn füh-len, kömmt es uns vor, daß die ge-wöhnliche Anspannung unsrer Kräf-te hier nicht hinreiche, und wir ver-suchen ihnen eine weitere Ausdeh-nung zu geben.

Das Große granzet dadurch andas Erhabene, welches ein ähnlichesBestreben erwckt *), und diese bcydeGattungen desAesthetischen sind nurin Graden von einander unterschie-den. Durch die Erweiterung unse-rer Kräfte werden wir vermögenddas Große zu fassen aber das Er-habene fassen wir nicht ganz; daherdenn die Vcwundrnng entsteht, diewir dabey fühlen.

Die Erweiterung der Gcmüths-kräfte, um einen Gegenstand ganz znfassen, wird nur da nöthig, wo die-ser unzcrthciibar ist; sowie eine aus-serordentliche Anspannung der Lei-beskräfte, um einen Körper zu he-ben, nur dann nothwendig ist, wennman ihn auf einmal ganz heben will.Theilet man ihn in kleinere Theile,so kann er ohne Anstrengung derKräfte, durch wiederholte Würkung,von einem Orte zum andern getra-gen werden. Wer mit einer Axt ei-nen Baun! durch viele wiederholteSchläge fällt, hat zwar viel, abernicht große Kraft angewendet: werihn auf einen Hieb fällen könnte,der würde was Großes thnn. Soist es auch in andern Dingen.

Der Gegenstand also, der durcheine Menge wiederholter Schlage ei-ne große Würkung auf das Gcmn-the macht, ist kein großer Gegen-stand, sondern der diese Würkungauf einen Schlag thut. So schrei-ben wir auch dein Menschen einengroßen Verstand zu, der bey einemschweren Unternehmen schnell, durchwenig von ihm ansgesvnncne Mit-tel,

*) S. Erhaben.