Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
411
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G e s

Es fallt in die Augen, mit wasfür großein Vortheil ein Kennerdes menschlichen Herzens sich die-ser Art zu schreiben bedienen könne.Mail kann den Menschen nicht an-ders, als aus seinen Gedankenund Empfindungen kennen; diesesieht der scharfsinnige Beobachter inden tiefsten Winkeln des Herzens,und bringet sie durch den Aus-druk der Rede an den Tag. Da-durch entfaltet er jede Sinnesartund jede geheime Aeußernng derEmpfindung vor unserm Gesichte;zieht dem Heuchler die Larve derRechtschaffenheit ab; stellt den li-stigen Sophisten in den krummenIrrwegen seiner List blos; deketauch das liebenswürdige Gemüthdes Redlichen auf, daß wir es lie-ben und verehren. Solche Gesprä-che sind in dem eigentlichen SinnSchilderungen der Seelen, und sol-che Schilderungen, die nicht, wieGemähldc, vor uns stehen, son-dern lebendige Abbildungen, da wirselbst auf der Scene stehen, wo al-les vorgehet. Alles was im mensch-lichen Gemüthe schätzbar und liebens-würdig, was verächtlich und ab-scheulich ist, wird dadurch fühlbargemacht.

Wer in dieser Art glüklich scynwill, muß das menschliche Herz bisaufsein Innerstes erforschen, unddann den Ausdruk und jeden Tonder Rcdc völlig in seiner Gewalt ha-ben; zwei) sehr schwere Sachen.Und dennoch hat man in dieser Artungleich mehr vollkommene Muster,als von dem lehrenden Gespräch.Der Mensch zeiget sich dein scharfenAuge des Kenners täglich; aber dieWahrheit erscheinet auch den Wci-festen nur höchst selten in dem volli-gen Glanz ihrer einfachen Schön-heit. Es ist leichter alle krummenGänge des Herzens, als den einzi-gen geraden Weg der Wahrheit aus-zusinden.

Ges

So viel Scharfsinnigkeit crfodertwird, die Gedanken des Gesprächszu erfinden, so schwer ist es auch aufder andern Seite» den wahren Aus-druk, besonders aber den, jedem In-halt genau angemessenen, Gang undeigentlichen Ton der Rede zu treffen.In keiner Gattung der Rede ist das,was zum Ausdruk gehört, schwerer,als in dieser.

Außer einer vollkommenen Beug-samkeit des Genies, das sich schnellin jede Sinnesart und in jeden Ge-sichtspunkt zu setzen wisse, wird einegroße Kcnntniß der Welt und eineungemeine Fertigkeit in dem mensch-lichen Verstand und Gemüth, jedeKleinigkeit nicht nur genau zu be-merken, sondern auch leicht auszu-brüten, erfodcrt. Nur der, welcherdurch einen langen Umgang sich mitallen Arten der Menschen bekannt ge-macht, wer sie genau studirt, ihnenmit größter Aufmerksamkeit zugehörthat» und dann überdem noch die Gabebesitzt, sich vollkommen, leicht undfließend auszudrükcn, kann in diesemTheil der Kunst glüklich scyn.

Hieraus läßt sich auch abnehmen,daß von den verschiedenen Zweige»der redenden Kunst die dramatischePoesie, an welcher die Kunst des Ge-spräches so großen Anthcil hat, sicham spätesten entwikle. Wer lebhaftoder groß denket und empfindet, derhat schon das Wichtigste, was zuden meisten Werken der Beredsam-keit und Dichtkunst geHort. BeredteMänner, epische und lyrische Dich-ter können unter einem Volk aufste-hen, das in der Cultur des Geniesnoch nicht gar weit gekommen ist.Aber die feine Kunst, den Verstandund das Herz der Menschen in ihrenfeinestenAeußerungen durch das Ge-spräch zu schildern, hat weit mehrauf sich, und ist die Frucht eines lan-gen Nachdenkens, und des feinestenGefühls. Wie sehr lauge hattennicht, die Griechen ihren Homer, be-vor