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2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
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Gcschmak durch die Vereinigung al-ler Scclcnkräste auf einmal alles,was zur Beschaffenheit einer Sache,in so fern sie sinnlich erkennt werdenkann, gehört. Er faßt schnell undwie durch eine einzige Würknug, wasdie genaue Untersuchung laugsamcntdeken würde. Also ist auch seinEinfluß Hey Bildung der Werke derKunst sehr viel schneller, als dieKeuntniß der Regeln, und weit siche-rer, weil er das Ganze auf einmalumfaßt.

Der Mann von Gcschmak faßt zu-sammen, was der spekulative, un-tersuchende Kopf aus einander legtund zergliedert. Daher diejenigen,die sich auf höhere Wissenschaften le-gen, wo man nothwendig alles zer-gliedern und einen Begriff nach demandern betrachten muß, selten vielGeschmak haben. Hingegen habenMenschen von feinen Fähigkeiten,die ihr Leben in Geschafften zubrin-gen , wo man meistentheils viel Um-stände auf einmal übersehen, undmehr aus anschauenden, als völligentwikelten Einsichten, handeln muß,weit mehr Anlage zum Geschmak.Einem spekulativen Kopf ist alleswichtig, was er ganz deutlich erkennt,einem praktischen aber das, dessenWürkuug sich weit erstrekt: jenerfällt in Sachen des Geschmaks leichtauf Spitzfindigkeit, dieser verachtetsie und findet das Brauchbare.

Bis dahin haben wir den Ge-schmak, als eine dem Künstler noth-wcndige Eigenschaft betrachtet: itztwollen wir ihn überhaupt als eineFähigkeit des Geistes ansehen, derenAnlage, so wie die zur Vernunft undzum sittlichen Gefühl, sich bey allenMenschen findet.

Ob man gleich die Vernunft, dassittliche Gefühl und den Geschmak,alsdrcyvöllig voneinander verschie-dene Vermögen des Geistes ansieht,durch deren Anwuchs undEntwiklnngder Mensch allmählig vollkommener

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wird, so kann man sie doch auch alsein und dasselbe Vermögen, ans ver-schiedene Gegenstände angewendet,ansehen. Die Vernunft ist Ueberle-guttg und Echarfsinnigkeit, aufBetrachtung der Vollkommenheit,Wahrheit und Richtigkeit angewen-det; eben diese Gaben des Geistes,auf Betrachtung des Schonen undAngenehmen gerichtet, bilden den Ge-schmak, und auf das sittliche Guteangewendet, das sittliche Gefühl.Dieselben Aulagen, wodurch derMensch zur Vernunft kommt, brin-gen ihn auch zum Gcschmak und zumsittlichen Gefühl.

Die Vernunft giebt ihm die Fähig-keit zur Ausrichtung seiner Geschaff-te; sie ist es, die überall die Mittelerfindet, zum Endzwck zu gelangen:das sittliche Gefühl macht ihn zu ei-nem guten und liebenswürdigen Men-schen, der zum gesellschaftlichen Le-ben die Gesinnungen hat, wodurchdie Menschen mit einander vereinigetund zu gegenseitiger Hülfe und Zu-neigung verbunden werden; der Ge-schmak streuet über Vernunft und Ge-fühl Annehmlichkeit, giebt bcyden ei-ne einnehmende Kraft auf die Gc-müther zu würkeu. Also kann derMensch nur durch Vereinigung die-ser drcy Gaben des Himmels zurVollkommenheit gelangen. Jeder-mann sieht die Wichtigkeit der Cul-tur der Vernunft und des sittlichenGefühls ein, aber wenige kennen dengroßen Werth des Geschmaks. Manwird deßwcgcn die hierüber folgen-den Anmerkungen nicht für überflüs-sig halten.

Es wird an einem andern Ortedieses Werks deutlich gezeiget, daßdie schonen Künste eines der vornehm-sten Mittel sind, alle nützliche Kennt-niß und guten Gesinnungen unterden Menschen auszubreiten, jede nütz-liche Wahrheit und jede gute Em-pfindung, als eine lebendige undwürksame Kraft in seine Seele zn

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