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2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
366
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z66 Gen

dcr Menschen macht, die selbst keineKünstler sind. Ein Tonstük kann anHarmonie und Rhythmus gut, unddoch ohne Kraft des Ausdruks scyn,so wie ein Gedicht von der schönstenVcrsisication sehr unbedeutend seynkann.

Der große Künstler, der unter denGenien, die in der Geschichte desmenschlichen Geistes als Sterne derersten Große erscheinen, einen Platzbekommen soll, muß wie Homer, wiePhidias oder wie Handel, außer demseiner Kunst eigenen Genie, ein gros-ses philosophisches Genie besitzen;muß ein Mann ftyn, der, wenn erauch den Geist seiner Kunst nicht ge-habt hatte, nöch immer ein Geniegeblieben wäre. Dieses allgemeine,philosophische Genie gicbt ihm großeErfindungen, große Gedanken, diedas Kunstgenie nach dem, der Kunsteigenen, Geiste bearbeitet. Dadurchentstehen die herrlichen Werke derschönen Künste, die nicht nur derKünstler, sondern jeder Mensch vonGefühl und Verstand bewundert.

Das Genie eines jeden Künstlersmuß also nach einem doppeltenMaaßstab gemessen werden: an demeinen niißt man seine Kunst, und andem andern seine Materie. Ana-kreon hatte das Genie der Kunst viel-leicht in so hohem Grad, als Homer;beyde sind große Dichter; aber,an den Maaßstab der allgemeinenmenschlichen Größe gebracht, ist dereine ein Held, und der andere einangenehmer Knabe. So haben Ra-phael und Callot das Genie der zeich-nenden Kunst beyde in hohem Grad;aber der eine hatte dabcy eine großeSeele, der andre blos eine höchstlebhafte, aber spielende Phantasie.

Das bloße Knnstgenie kann wiederfeine mannigfaltigen Bestimmungenhaben. Das empfindende Auge wirdnicht allemal durch jede Schönheitgereizt; dieser Mensch wird durch dieSchönheit derFormen entzüket; der,

Gen

blos durch den Glanz der Farben:jener wird ein Phidias, dieser einTitian. In der Musik wird ein Ohrvorzüglich durch Harmonie gereizt,ein andres durch Gesang. Und die-se Verschiedenheit findet sich auch indem außer der Kunst liegenden Genieder Menschen. Es gicbt, wie schonoben angemerkt worden, Seelen, indenen es überall hell, und andre, wodas Licht nur auf cinzcle Gegendeneingeschränkt ist.

Diese wenigen Betrachtungen überdas Genie geben doch einige Aufklä-rung über die ungemeine Mannig-faltigkeit desselben in den schönenKünsten. Fallt das bloße Kunstge-ttic in eine gemeine Seele, die außerder Kunst ohne Größe ist, so kannes doch Werke hervorbringen, dievon eigentlichen Liebhabern der Kunstbewundert werden. Es giebt Dich-ter, die nicht viel mehr als Vers-maschincn, Tonkünstler, die Noren-maschincn sind; und so hat mehr nurjede Kunst, sondern bald jeder cinzcleZweig derselben, Manner gezengcr,die durch bloßen Instinkt einen odermehrere mechanische Thcile mit be-wundrungswürdiger Geschiklichkeitausgeübt haben. Wie viel Colori-sien hat Man nicht, die weder vonZeichnung, noch von Schönheit dengeringsten Begriff haben? Wir wol-len die Werke dieser blos durch denInstinkt gebildeten Künstler den Lieb-habern gern als kostbare Kleinodien,womit sie ihre Cabinctter ausschmu-ken, überlassen.

Das Genie der Menschen ist auchaußer der Kunst so mannigfaltig,als die verschiedenen Gegenständeselbst, an denen man Geschmak fin-det. Wenn man den natürlichen Ge-schmak an ganz abgezogenen und biszur größten Deutlichkeit enrwikeltcnBegriffen, und an Wahrheiten, diedurch strenge Vernunftschiüssc bewie-sen werden, ausnimmt, so kann jedeandre Gattung des Genies sich mit

einem