Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
351
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G e m

ler, der in einer Landschaft den größ-ten Theil der Gegenstände nnr über-Haupt so vorstellt, Lvic sie in der Ent-fernung erscheinen, und nur einigewenige Theile genau auszeichnet undmit allen Schattirungen undMittcl-farben inahlt. So macht es Homer,wenn er Schlachten beschreibet. Vonweitem stellt er das Heer überhauptvor, in welchem man wo! die Wen-dungen und Bewegungen des ganzenHaufens, aber keinen einzeln Strei-ter gewahr wird; einige Hauptper-sonen aber bringt er ganz nahe vorsGesicht; denn man Hort sie reden,sieht sie nicht nnr einzeln und vomHeer abgesondert, sondern bemerktgenau ihre Rüstung, ihre Stellungund so gar einzele Gesichtszüge.

Es wird also überhaupt zu Ver-fertigung eines poetischen Gcmähl-des weiter nichts erfodert, als daßder Dichter seinen Gegenstand genauund bisweilen nach den kleinestenTheilen zu beschreiben, und dem Aus-druk die nothigen poetischen Farbenzu geben wisse H. Uebcrall wo er die-ses thnt, hat er ein poetisches Ge-mählde gemacht. Aber das Feineder Kunst besteht darin, daß er bcydein Geniahlde kurz und nachdrüklichsey, daß er ihm mit wenig meister-haften Zügen das wahre Leben zugeben wisse. Es ist eine schwereKunst sichtbare Gegenstande in we-nig Worten zu beschreiben. Unddoch ist die Kürze dabei) unumgäng-lich nothwendig; denn es würdehöchst langweilig und verdrüßlichseyn, jedes Einzele, das der Phan-tasie vorschweben muß, um einenGegenstand als ganz nahe zu sehen,besonders auszubrüken. Darummuß der Dichter hier Worte zu wäh-len wissen, die sehr viel mehr Be-griffe erwcken, als unmittelbar dar-in liegen; er muß Ausdrüke undWendungen finden, die plötzlich alleNebenbegriffe erwekcn, die sich ein-

*) S. Farben (poetische).

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zeln nicht ausbrüten lassen. Darinbesteht die eigentliche Kunst der poe-tischen Mahlcrcy. Das vorher an-geführte kleine Eemahlde dcsHoraz,wird durch das einzige wählerischeWort 8orchllos, sehr lebhaft, manglaubt die mit Lumpen bcdekte, undaus höchster Armuth schmutzige Kin-der zu sehen. Der kleine Umstandpateruos in linn lorons Dens, zeigtmit wenig Worten sehr viel an. DieVertriebenen sind ehrliche, frommeLeute, ihnen ist gar nichts mehr übriggelassen, das sie aus ihrer Wohnungwegtragen könnten, als die von ih-ren Aeltern ererbten elenden Bilderihrer Hausgötter, und die tragen sie,nebst ihren Kindern auf den Armenwcg u. s. f.

Die Gemahlde sind überhaupt inder Dichtkunst von der größten Wich-tigkeit, weil sie den Gegenständendie höchste Deutlichkeit und Kraft ge-ben. Was man nur obenhin undgleichsam von weitem steht, erwcktauch nur allgemeine und undeutlicheVorstellungen, davon keine großeWürkung zu erwarten ist: jeder Ein-druk, der iin Gcmüthe würksam seynsoll, muß von nahen Gegenständenverursachet werden. Es ist mit al-len Arten der Vorstellungen so, wiemit Erzählungen von glüklichcn undunglüllichen Begebenheiten, die unsimmer nach der Entfernung desOrts,da sie vorgefallen sind, weniger rüh-ren. Allgemeine Drangsalen undUnglüksfalle, wie Krieg, Pest, Fcucr-und Wassersnoth, die in weit entle-genen Landern sich ereignen, machennur schwachen Eindruk: aber je nä-her die Scene der Roth uns liegt,je wärksamer ist die Vorstellung; undwenn wir sie selbst sehen, so empfin-den wir die höchste Würkung davon.So ist es mit allen Vorstellungenbeschaffen.

Deßwegen soll der Dichter, wo erdas Gemüth recht angreifen will, diedazu nöthigen Gegenstände uns ss

nahe