Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
347
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G e m

dieser richtigen und nachdrüklichenDeutung erreicht, so kann er sichüber die Hauptsache nun schon beru-higen; sein Werk hat nun schon ei-nen Werth, wie es auch hernach mitden weniger wesentlichen Dingen ihmgelingen möge. So kann auch derKenner, wenn er diese beyden Stü-kc im Gcmahld cntdekt hat, seineBeobachtung weiter fortsetzen; vondiesen aber muß er schlechterdingsanfangen.

Also sind die gute Wahl des Ge-genstandes, und das Nothwcndigezum richtigen und lebhaften Ausdruk,die Haupteigcnschaften des Geniahl-des, ohne welciw es den Namen ei-nes vollkommenen Gemähldes nieverdienen kann. Diese Eigenschaf-ten setzen schon einen Theil der An-ordnung, der Zeichnung und dcr Far-bcugebung voraus, nämlich das,was in diesen drey Stüken dasnoth-wcndigstc ist. Ohne eine gute poeti-sche Anordnung nimmt sich dasGanze nicht gehörig aus, und ver-liert also an der ersten wesentli-chen Eigenschaft, so wie auch dieDeutung zum Theil davon abhangt.Ohne das Wesentliche der Zeichnung,das darin besteht, daß jede Sacheihren wahren Charakter habe, kanndie zweyte Eigenschaft nicht erhal-ten werden: und ohne Haltung undrichtige Austheilung des Hellen undDunkeln, welches das nothwendig-stc der Farbengebung ist, leidet dasGeinahlde ebenfalls in seinen zweywesentlichen Eigenschaften.

Hat man in diesen Stüken dasGeniahlde gut, und den Mahler alseinen Mann von Verstand gefunden,der dasWescntliche der Kunst besitzt:so kann man nun zur Beobachtungder übrigen Eigenschaften des Ge-mahldes schreiten. Zu diesen Eigen-schaften vom zweyten Rang setzenwir die genaueste Richtigkeit der Zeich-nung in einzclen Theilen; sowol ins) S, i Th. Anordnung S. 151.

Gem Z47

Ansehung der Umrisse, als der Ver-hältnisse: die Schönheit der Formen;diePerspektiv; und denn alles, waszur Wahrheit und Schönheit des Co-lorits gehört. Wo die Vollkommen-heit dieser Thcile zu jenen wesentli-chen hinzukommt, da wird das Ge-mählde ein in allen Stüken vollkom-menes Werk.

Die eigentlichen Kunstliebhaber ge-ben den itzt erwähnten Stüken denersten Rang, wenn sie den Werthder Gemahlde bestimmen wollen.Sie glauben, ein Fehler gegen dieVerhältnisse, ober eine Unrichtig-keit im Umriß, sey ein schwerererFehler, als eine schlechte Wahl desGegenstandes, oder ein Mangeldes Ausdruks; und bei) vielen gehtdie Schönheit des Colorits, oderdie Erreichung der Natur in dem-selben, über alles andre. Darüberwollen wir mit ihnen keinen Streitanfangen, sondern ihnen nur zu be-denken geben, daß daS Gemähldewie das Gedicht müsse beurthciltwerden. Nun ist man doch meistdurchgehends darin einig, daß manin dem Gedicht erst auf furtrefflicheund der Sprache der Götter würdigeGedanken *), und hernach auf dieVollkommenheit des Ausdruks undder Versification zu sehen habe. EinGedicht von der schönsten Harmonieund dem reizendsten Ausdruk, ohnereizende Gedanken, ist allemal einschöner Körper ohne Seele. EineFigur kann auf das richtigste gezeich-net und auf das fürtrefflichste ge-mahlt, und doch, als menschlicheFigur, ganz unbedeutend seyn, undeinen Menschen vorstellen, mit demNiemand zu reden, und den so garNiemand zu sehen Lust hatte.

Aber was wird denn , wenn mansolchen Grundsätzen folgen soll, ausso vielen Gemählden werden, die inGallerien und Cabinetttn, als kost-bare

») S. Gedanken.