Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
326
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Ausdrnk unterscheidet, ist schon an-gemerkt worden; also ist noch dieihm eigene Art, seinen Stoff zu be-handeln, anzuzeigen; denn auchdiese gicbt dem Gedicht ihren eigenenCharakter.

Wenn der Dichter sich mit Be-trachtung des Gegenstandes abgiebt,so ist seine Absicht blos, sich denselbenso vorzustellen, wie er ihn nach seinerGemüthslageam lebhaftesten rühret.Er will weder, wie der Philosoph,ihn naher kennen lernen, noch wieder Geschichtschrciber ihn so beschrei-ben , daß andre einen richtigen Be-griff davon bekommen; nicht wie derRedner, so daß er unser Urtheil dar-über zu lenken oder einzunehmen su-, chen sollte. Seine Einbildungskraftwürkt da mehr, als der Veobach-tungsgeist oder der Verstand. Auchjsts nickt um die genaue Richtigkeitder Vorstellung zu thun: er bildetsich den Gegenstand so aus, wie erihm am besten gefallt, eignet ihm al-les zu, was er darin zu sehen wünscht,unbekümmert, ob die Sachen würk-lich so scycn; denn das Mögliche istihm eben so gut, als dasWürkliche.Einiges vergrößert er, andereDingemacht er kleiner, bis das Ganze soist, wie er es am liebsten zu sehenwünscht. Darin handelt er wie je-der Mensch, der sich bey Vorstellungangenehmer Begebenheiten in süßeTräume der Phantasie einwiegen will.Alles wird nach seinem Gefallen an-geordnet; hier werden Umstände weg-gelassen, dort andre hinzugesetzt; je-de Person bekommt ihre Gestalt undihr Wesen, so wie jedes sich nach sei-ner Einbildung schiket. So macht esauch der Dichter mit jedem Gegen-stand, den er zum Stoff seines Ge-sanges gewählt hat. Die Theile desGegenstandes, die ihn vorzüglichrühren, sucht er auch mit vorzügli-cher Lebhaftigkeit zu schildern; ersucht alles hervor, was irgend dienenkann, sie fichtbar oder hörbar zu ma-

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chen. Daher entstehen bisweilen imGedicht die umständlichsten Beschrei-bungen , die bis ans die geringstenKleinigkeiten gehen, weil solche Be-schreibungen am geschiktesten sind,den Gegenstanden in der Einbil-dungskraft ein würkliches Leben zugeben.

An dieser Art zu verfahren erken-net man den Dichter sehr bald, wennman auch den Ton und den Ausdrnkganz ändern wollte. Man übersetzeden Homer so schlecht, als manwolle, wenn nur die Folge seinerVorstellungen bleibet, so wird manden Dichter nie verkennen. Dies ist,was Horaz sagt:

Iirveniez ekjzin llisjetU mombrapoec-e.

Also muß jedem guten Gedichte,wenn ihm alle Kennzeichen, die esvon der Sprache hat, benommen sind,etwas übrig bleiben, das den Dich-ter verräth. Was in der schlechte-sten Uebersetzung gar alles Poetischeverliert, ist nie ein Gedicht gewe-sen, das alle nöthige Eigenschaftengehabt hat.

Hält sich der Dichter nicht sowolbey dem Gegenstand, als bey seinerEmpfindung auf: so hat er auchda seinen, ihn bezeichnenden Gang.Bisweilen sagt er uns deutlich, wasihn in die Laune oder Leidenschaftgesetzt hat, die er äußert; andremalmuffen wirs errathen: aber in Hey-den Fällen unterscheidet sich seineRede von der, die nicht poetisch ist,durch die Lebhaftigkeit der Empfin-dung oder der Laune. Man merktgar bald, daß er sich nicht mehr be-sitzt; sein Vergnügen und sein Ver-druß ist seiner Meister worden^.Ueberlcgung und Vernunft müssender Empfindung weichen. Balddreht er sich auf demselben Punkt derEmpfindung herum, bald fallt erauf mancherlei) Nebenvorstellungen,schweift schnell weit aus, und machtuns, durch die anscheinende Unord-nung