Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
325
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G e d

Dieses sey von dem Charakter desGedichts, in Ansehung des Tonesder Rede, gesagt *).

Zum poetischen Ausdruk aber ge-hören noch mehr Dinge, als die nurden Ton betreffen. Die Figuren undBilder sind eine sehr natürliche Wür-kung der dichterischen Laune. Diemehr oder weniger erhitzte Einbil-dungskraft des Dichters giebt je-dem Ding ein mchreres Leben undmehr Kraft, als eine ruhigere oderbetrachtlichere Gemüthslagc thut.Seine Hauptvorstellungen drükt derDichter nie durch Wörter aus, dieder Verstand erst in allgemeine Be-griffe zu übersetzen hat. Seine Vor-stellungen sind nicht allgemeine oderabgezogene, sondern einzele Falle undwörtlich vorhandene Gegenstände.Er bekleidet alles mit Materie, undgiebt jeder Materie ihre Farben, ihreFigur, und, wo möglich, ihren Tonund andre fühlbare Eigenschaften.Daher entstehen die poetischen Far-bcn *") und die poetischen Geinahlde.Darin besteht, wie du wol er-innert hat, der Hauptcharakter desGedichts. »Diese poetische Sprache,sagt der Kunstrichtcr, ist es, die ei-gentlich den Dichter ausmacht, nichtder Abschnitt und der Reim. Mankann, wie Horaz anmerkt, ein Dich-ter in ungebundener, und ein gemei-ner Redner in Versen seyu.

Dieses ist aber der wichtigste undschwerste Theil der Dichtkunst, dieBilder zu erfinden, die das, wasman sagen will, schön mahlen; deneigentlichen Ausdruk, der den Gedan-ken ein sinnliches Wesen giebt, in sei-ner Gewalt zuhaben; dieses ists,wo-zu der Dichter ein göttliches Feuernöthig hat, nicht das Reimen.Nur ein zur Kunst gebohrner Kopfkann seine Verse durch Dichtung undBilder beleben f)." Also zeiget uns

') S. Ton.

") G. Farben.

f) ltcllexiunz (tririquez llir Ig ?oelie er

I'ur I, psimure. 7.1. L-6. XXXIII.

G e.d 525

die Sprache des Dichters überall ei-nen Menschen, den sein Gegenstandso sehr eingenommen hat, dast er al-les , was man sich sonst blos vor-stellt, körperlich vor sich ficht, oderin seinem Gemüth als gegenwärtigfühlt, und eben dieses Sehen undFühlen auch in uns zu crwcken sucht.Daher entsteht ganz natürlich dieWürkung, daß wir durch das Ge-dicht in eben die Empfindungen ge-setzt werden, die der Dichter hat.Diese Würkung erfolget, wenn gleichder Dichter sie nicht gesucht, sondernblos für sich selbst gedichtet hat.

Bis dahin ist angemerkt worden,wie das Gedicht durch Ton und Aus-druk sich von der gemeinen Rede un-terscheide. Es hat aber auch seineihm eigene Behandlung des Stoffs.Dieses verdienet eine besondere Be-trachtung.

Jedes Gedicht ist eine empfin-dungsvollc, oder doch lebhafte lau-nige Rede, die durch einen, dem Dich-ter vorschwebenden, Gegenstand ver-anlasset worden, wobey er nichts an-ders zur Absicht hat, oder zu habenscheinet, als das, was er fühlt, zusagen; weil sein lebhaftes Gefühlihm nicht zu schweigen verstattet.Hier zeigen sich zweyerley Fälle, dieden Inhalt der Rede bestimmen.Entweder hangt der Dichter dem Ge-genstand allein nach, betrachtet ihnvon allen Seiten, und drükt durchdie Rede das aus, was er sieht;oder er hangt nicht sowol dem Ge-genstand nach, der ihn rühret» alSder Würkung, die er davon empfindet.Im erster» Fall mahlt der Dichterden Gegenstand, im andern seine Em-pfindung darüber. Eine dritte Artdes Stoffs zum Gedicht, kann nichterdacht werden. Nun müssen wirdas Verfahren des Dichters, undwie er sich darin von andern Men-schen , die auch von seiner Materiereden würden, unterscheidet, in Be-trachtung ziehen. Wie er sich im

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