Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
317
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Geb

auf, hat auf einmal den ganzen Um-fang feinel- Materie vor sich, ist ganzund allein davon durchdrungen, undbehandelt sie, als ein Mann, deralles auf das genaueste überlegt hat.Darum must auch Einförmigkeit,Vedachtsamkcit und gute Fassung inseinen Gebehrdcn seyn. Bei) demSchauspieler verhalt sich die Sacheganz anders. Er nimmt jeden Au-genblik die Gebehrden desselben Au-gcnbliks an; bald redet er, baldhört er zu. Die Handlung reißt ihnmit fort, da der Redner seinesVortrages Meister seyn muß. DerSchauspieler stellt einen für alles,was auf der Bühne vorgeht, unvor-bereiteten Menschen vor, der plötz-lich, bald angenehm, bald unange-nehm gerührt wird; seine Gebehr-den müssen eben die Abwechslungenund die Vermischung des Guten undBösen, so wie sie im Leben vor-kömmt, ausdrüken. Er muß in ei-nem Augcnblik sauer oder verdrüß-lich, und wieder vergnügt aussehen.Also sind die Gebehrden bey ihm weitschneller» Abwechslungen und weitlebhafter» Bewegungen unterworfen,als bey dem Redner. Dcßwegenwill Cicero auch nicht, daß derRedner die Kunst der Gebehrden,so wie der Schauspieler, lernensoll ').

Wenn irgend ein Theil der Kunstist, der eine lange und sehr fleißigeUebung crfodcrt, so ist es dieser.Sie muß aber mit genauer Beobach-tung derNatur verbunden seyn. DerRedner muß Gelegenheit suchen, leb-hafte und empfindsame Menschen zusehen, und ihre Gebehrden genau be-obachten, und durch wiederholte Ver-suche das, was er ngchdrüklich ge-funden, sich zueignen. Zu seinenHebungen muß er sich eine Samm-lung vorzüglicher Stellen aus den

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besten Rednern machen, die er erstwol auswendig lernt, und hernachfür sich so lange declamirt, bis erStellung und Gebehrden, die jedemStük zukommen, gefunden hat. Wieein Zeichner nicht leicht einen Tagvorbeygehen laßt, ohne etwas zuzeichnen, so muß auch der Rednertaglich wenigstens eine schöne Stelledeclamiren. Es ist ein würklicherMangel auf unfern Universitäten,daß kein methodisch eingerichteterUnterricht in dieser Sache gegebenwird. Daher kömmt es denn, daßman so sehr selten einen geistlichenRedner findet, der dieKunst versteht,seinen Worten durch die GebehrdenNachdruk zu geben.

Man hört bisweilen, daß dieSprache der Gebehrden so gar alseine, dem geistlichen Redner ganzunnöthige, Sache verworfen wird.Aber dieses ist gewiß ein schädlichesVorurthcil. Denn selbst da, wo erblos zu unterrichten, oder nur aufden Verstand zu würken hat, sinddie Gebehrden von Wichtigkeit; weilsie ungemein viel zur Unterhaltungder Aufmerksamkeit und selbst zur Uc-berzeugung beytragcn. Der Ver-stand laßt sich eben so, wie das Herzgewinnen; und erst dann, wenn ergewonnen ist, haben die Gründe ihrevolle Kraft auf ihn.

Für den Schauspieler und für denTänzer ist nichts so wichtig, als dieKunst der Gebehrdcn. Besitzt er die-se, so ist er Meister über die Empfin-dung der Zuschauer; sind seine Ge-behrden unnatürlich, so wird seinganzes Spiel unerträglich. DerSchauspieler kann durch verkehrteGebehrdcn das höchste Tragische fro-stig, und das fcmste Comische kläg-lich machen. Wer diesen Theil derKunst nicht besitzt, dem ist zu rathen,nie auf Gebehrden zu denken, undsich lediglich derNatur zu überlassen.Natürliche Gebehrdcn, auf welcheman nicht studirt, sind allemal »ach--

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