Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
268
Einzelbild herunterladen
 

s68 Fre

Der Affekt der Freude ist also vor-züglich ein Gegenstand der lyrischenDichtkunst und der Musik; und dieGesänge, die für öffentliche Freuden-feste gemacht werden, können unterden Werken der Kunst auf den erstenRang Anspruch machen. Aber auchjede Art der Privatglükscligkeit, dieallgemeinen Wohlthatcn der Vorse-hung, und was etwa einzele Familienoder Menschen glüklich macht, unddie Acußerungcn der Freuden dabey,sind noch wichtige Gegenstände. Wirwollen auch die Lieder nicht als un-nütze verwerfen, die blos sinnlicheGegenstände des Vergnügens zu Er-wckung der Freude brauchen; ob wirgleich dem vollkommensten Trinkliedeben keinen hohen Rang anweisenwürden Es kann nicht leicht einemaufmerksamen Beobachter der Men-schen unbemerkt bleiben, daß biswei-len eine freudige Minute, wenn ihreVeranlassung auch noch so gering ge-wesen ist, wichtige Folgen habenkann, Gcmürhcr, die durch allerhandVcrdrüßlichkciten etwas in Untha-tigkeit gesunken waren, wieder auf-zurichten.

Aber die geringer», ganz sinnlichenFreuden müssen in der lyrischcnDicht-kunst ihrem Charakter gemäß, dasist, leicht und flüchtig behandelt wer-den. Es wäre unsinnig, bey einemTrinkgelage das Lob des Weines indem hohen Ton einer feyerlichcnOdezu singen, und solche blos die Sin-nen kitzelnde Vergnügungen, die nochdazu nur gar zu bald in niedrige De-bauchen ausarten, mit den hohenFreuden der iiinern Glükseligkeit ineine Classe zu setzen. Für Menschenvon Verstand und von ausgebreite-tem sittlichen Gefühl sind die Ver-gnügungen der Sinnen und die da-her nkstehenden Freuden nicht Spei-sen. sondern bloße Würzen, die sehrspa'sam zu einiger Erhöhung desGeschmaks hier und da ein gestrcuetwerden. So bald die Künste sie an-

Fr«'

dcrs behandeln, so machen sie einenMißbrauch davon. So angenehmmanche witzige Trinklieder sind, sounsinnig und abgeschmakt sind diegroben Mißgeburten, wo dieSchwel-gerey im ernsthaftesten Ton, als derEndzwek des Lebens, und die daherentstehenden Freuden, als die eigent-liche Glükseligkeit des Menschen vor-gestellt werden.

Mancher unbesonnene Jünglingin Deutschland hat sich, bey seinemnoch nicht reif gewordenen Urthcil,durch den Bcyfall, den die leichtenund angenehmen Lieder einiger fei-nen Dichter erhalten haben, verlei-ten lassen, den Trank der Wollust,von dem jene feinerc Köpfe nur einigeTropfen genommen, strohmweise ein-zugießen. Darin zeiget man eben soviel Verstand, als bisweilen der un-wissende Pöbel, der anstatt wenigerTropfen, die er aus einem Arzney-glas nehmen sollte, nach seinen dum-men Begriffen es für besser hält, dasganze Glas auszutrinken. Wennwenig Hilst, denkt der Dummkopf,warum sollte viel nicht noch mehrhelfen?

Aber die lyrische Dichtkunst istnicht in den; ausschließenden BesitzFreude zu erweken; auch das Dra-ma und die Epopee bedienen sichdieser Leidenschaft, und können sieaus eine vorthcilhafte Weise nutzen.Je begieriger der Mensch nachFreude ist, je wichtiger wird es,ihn fühlen zu lassen, daß die wich-tigsten, das Herz am meisten durch,dringenden, und zugleich die dauer-haftesten Freuden, Folgen großer,tugendhafter und verdienstvollerHandlungen sind. Dieses giebt al-so den, epischen und dramatischenDichter Gelegenheit, diese Leiden-schaft auf eine wichtige Weise zubehandeln. Man stelle sich einversammeltes Volk vor, das einenMann, den es für seinen Erretter,für seinen Wohlthäter halt, mit Dank