Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
243
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Werk, dessen größte Würkung vonHauptthcilcn herkönunt, darf auchnur in den Hauptthcilcn vollkommenseyn, weil man bey dem starken Ge-fühl der Vollkommenheit aufdie Klei-nigkeiten nicht steht. Wer große undsehr merkwürdige Dinge zu erzählenhat, der erwekt große Aufmerksam-keit, und macht starken Eindruk,wenn er gleich auf die Kleinigkeitender Rede, die beste Wahl der Redens-arten, der Worter, der Tone, derStimme und derGebehrdengarnichtsieht. Der Mahler oder Bildhauer,der uns cineFigur oder cinBild dar-stellt, das durch die besten Verhält-nisse des Korpers, durch eine sehredle Stellung und durch einen großenCharakter rührt, braucht nicht aufKleinigkeiten der Ausbildung, nichtauf die höchste Schönheit der Fär-bung oder des Glatte», nicht auf dieRichtigkeit in den geringsten Faltendes Gewandes, oder andre Neben-sachen zu sehen: er gefällt hinläng-lich. Und diese Beschaffenheit hates mit allen Werken der Kunst, diein ihrer Erfindung und in ihrenHaupttheilen groß sind; der äußersteFleiß kann da schaden, wenigstensist er unnütze.

Hingegen ist er in den Werken oderThcilcn derselben nöthig, deren Voll-kommenheit aus vielen kleinen Ver-hältnissen, aus subtilen Vcrglci-chungen herkommt; von welcher Artalle feinen Gegenstände, alles Rlei-ne, Niedliche, alles, dessen We-sen aus der Sammlung oder Zusam-menfassung vieler kleinen Theile be-sieht, sind.

Die Würkung des Fleißes ist dem-nach das Leine in jedem kleinstenTheile des Werks. Wenn Wahrheitund Richtigkeit da sind, so kann dasFeine noch hinzukommen. EinMar-morbild kann die Figur mit vollerWahrheit und Richtigkeit darstellen,so daß es einem, der sie aus einergewissen Stellung betrachtet, nicht

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möglich wäre, etwas daran auszu-setzen ; sie ist aber nicht fein polirt,die Umrisse sind nicht bisaufdieklei-nesien Züge der Linien ausgeführt;alsdann ist nicht der äußerste Fleißdaran gewendet. Eben so kann einEcmählde dasjenige, was es vorstel-len soll, vollkommen vorstellen, ohnedaß jeder Strich des Pinsels in dienächsten verfließt, ohne daß jedeskleine Glied der Figuren, jede Faltedes Gewandes, jedes Blatt an Bäu-men so ausgeführt sey, daß es ein-zeln betrachtet in allen seinen Thcilenvollendet sei). So fehlt auch diesemder Fleiß,

Hieraus läßt sich abnehmen, liiwas für Fällen der äußerste Fleißunnütze, oder gar schädlich sey, undwenn crcin nöthiges Mittel zur Voll-kommenheit werde. In den Dingen,diefürdasGesichtgcmacht sind, folg-lich in allen bildenden Künsten ist derFleiß unnütze, wenn das Werk derKunst weit aus dem Auge soll gesetztwerden; denn da verlieren sich allekleinen Theile. Es wäre vollkom-men unnütz, in einem Bilde, dasaus eine höhe Säule, oder auf einGebäude gesetzt wird, alle feinenZüge des Gesichts, alle Falten derHaut, alle zarten Erhöhungen undVertiefungen völlig auszudrüken,Man weis gar wol aus der Ge-schichte der Heyden Bildhauer inAthen, daß in solchen Fällen dctFleiß schadet, Weil er die Würkungdes Ganzen hindert. Wer ein De-kengemählde in ein hohes Zimmernach Mignaturart, oder nur nachder gewöhnlichen Art kleiner Staffe-leygcmähldc ausführen wollte, wur-de dem Auge, das weit vom Ge-mählde steht, nichts Reizendes vor-legen, wenn die Figuren noch sogroßwären; denn die Stärke der Farben,welche in der Nähe hinreichcndcWür-kung thun, verliert sich in der Ent-sernung; was aber von ferne her stark

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