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2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
166
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stellnngskraft einzuverleiben. Dennaußer den Vvrthcilen, die sie mit al-len Bildern gemein hat. besitzt sienoch eigene. Durch das Seltsame,Neue und oft Wunderbare, wird dieAufmerksamkeit und Neugierde ge-reizt. Durch den fremden und aus-ser unfern Angelegenheiten liegen-den Gesichtspunkt, woraus wir dieHandlung sehen, wird dem Gemü-lhe der Beyfall abgezwungen; demVorurthcil und dem Selbstbetrugwird der Weg versperret. Wir se-hen handelnde Wesen von einer Art,daß wir weder für sie, noch gegensie eingenommen sind; wir empfin-den blos Neugierde zu sehen, wiesie handeln, und fallen von dem,was wir sehen, ein der Wahrheitgemäßes Urtheil, noch che wir dieBeziehung der Sachen auf uns selbstwahrnehmen. Wir sehen ein Bild,'gegen welches wir vollkommen un-partheyisch sind, fällen ein unwider-rufliches Urtheil davon, und merkenerst hernach, daß wir selbst der Ge-genstand unsers Urtheils sind.

Man erzählet von einem Mann,der aus einem nngegrundercn Wider-willen gegen seine Gemahlin, sie häß-lich und unausstehlich gefunden, daßerplötzlich von dieser Gemuthskrank-hcit gcheilet worden, nachdem er siein einer Gesellschaft gefunden, woer sie eine Zeitlang nicht gekannt undsie ohne Vorurthcil, als eine ihmfremde Person beurtheilet hat. Un-ter dieser fremden Gestalt fand ersie schon und liebenswürdig, unddieses Urtheil konnte er nicht einmalwiderrufen, nachdem er cntdekt hat-te, daß es seine eigene Frau war.Diese Würkung kann die Fabel ihresallegorischen Wesens halber auf unshaben.

Sie geHort zu den lehrenden Ge-dichten, und nimmt unter ihnen ei-nen desto hoher» Rang ein, je wich-tiger die Wahrheit ist, die sie demGemüth einpräget. Fabeln von mo-

F a b

ralifchem und politischem 'Inhalt,die unter einem Volke so allgemeinbekannt waren, als die gemeinenSpruchwortcr sind, konnten dasNachdenken und Reden über sittlicheund politische Gegenstände sehr er-leichtern und abkürzen. Die bloßeErinnerung an eine Fabel kann dieStelle einer langen Rede vertreten.So wie glukliche metaphorische Aus,drükc weitlaustige Beschreibungen er«sparen, so kann oft ein Wort, dasuns eine Fabel in den Sinn bringt,die Stelle einer weitläufigen Beleh-rung vertreten. Wenn man über-haupt bedenkt, wie sehr viel die Ver-nunft durch die Cultur der Sprachengewinnt ch, so wird man auch ein-leuchtend erkennen, daß diese Dicht-art derselben noch weit größere Vor-thcilc verschaffen könne; denn eineFabel, die an sich die Stelle einerweitläufigen Abhandlung vertretenkann, wird durch ein einziges Wortin der Vorstellungskraft lebhaft er-neuert.

Aus dem, was von dem Wesenund der Absicht der Fabel gesagt wor-den, läßt sich auch bestimmen, wiesie beschaffen scyn müsse, um voll-kommen zu seyn. Dieses verdie-net etwas umständlich angczcigct zuwerden.

In Ansehung der Erfindung ist dieFabel vollkommen, wenn sie zwei)

Eigcn-

') Wem diese Anmerkungen, worausdie große Wichtigkeit der Fabel ein-leuchtend soll erkannt werden, nochnicht überzeugend genug sind, den ver-weisen wir auf zwcy Abhandlungen,die in den Schriften der König!. Aca-demie der Wissenschaften zu ZKriin be-findlich sind, wo das, was hier blosangezeigt wird, ausführlicher erklärtmorden. Man sehe in den lAemoiressie I'pccgsiemie für das Jahr >/;8. inder Abhandlung, Hrizlz-l'e sie I» raisonbetitelt, die 440 Seite; und in dentNemoirci für das Jahr 1767 die Ab-handlung ihr Mniiuence reciprogussi» I-mzgzs lur Ig raison et sie ig rai-son tur le lgnxzße.