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unsre Aufmerksamkeit weniger reizen,alö solche, die wir für würklich hal-ten. Wo Personen und Handlungenvöllig erdichtet sind, da muß wenig-stens der Orr und die .Zeit der Hand-lung so seyn, daß sie in unfern schonvorhandenen Begriffen liegen. EineFabel aus einem nicht bestimmtenZeitalter und aus einem uns ganz un-bekannten Lande würde, wenigstensim Anfang, uns wenig reizen. Erstwenn wir durch wiederholtes Lesenmit Zeit, Ort und den Personen na-her bekannt worden, hat die Fabelhinlängliche Reizung für uns.
Aber würkliche Begebenheiten, ge-rade so, wie sie sich zugetragen ha-ben, mit ihren besondern Umstän-den , werden sichsschr selten zur Fa-bel brauchen lassen. Die Sachen ge-schehen selten in der Ordnung, wieder Dichter sie braucht, und wie sieuns am lebhaftesten rühren; es kom-men darinnDinge vor, die seiner Ab-sicht im Wege stehen; die Menschensind dabei) nicht allemal gerade inden Umstanden, die ein völlig HellesLicht über ihren Charakter verbrei-ten. Diesen Mangeln abzuhelfenrichtet der Dichter die Geschichte nachseiner Absicht ein; er laßt einige Sa-chen weg, erdichtet andere dazu, ver-kürzt oder verlängert die Daner derHandlungen; zeichnet die wichtig-sten Gegenstände genauer aus, daßwir sie vor nnsern Augen zu sehenglauben. Die Fabel hat, in Absichtder Sachen, die geschehen, vorderGeschichte den Vorzug, daß sie unsdurch Erdichtung besonderer Umstän-de alles lebhafter, ausführlicher undlehrreicher und durch des DichtersAnordnung ordentlicher, und wie esuns am stärksten interessirt, vorstellt;vornehmlich aber wie jedes am be-quemsten ist die handelnden Perso-nen von der merkwürdigsten Seitezu zeigen und uns die Stärke undSchwache ihrer Seelen lebhaft em-pfinden zu lassen. Deßwcgen merkt
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Aristoteles sehr wol an, daß die Poe-sie philosophischer und überlegter sey,als die Geschichte *). Daher kömmtes, daß wir durch die Geschichte denMenschen nur in einem schwachenLicht, und wie in einer Zeichnung,ohne Farben und Leben, in dem epi-schen und dramatischen Gedicht aberin seiner ganzen Natur und in sei-nem vollen Leben erbliken.
Der Dichter kommt durch zweier-lei) Wege zu der Fabel: entwederfallt er zufälliger Weise darauf, einesich ihm darbietende merkwürdigeBegebenheit zur Fabel eines Gedichtszu machen, und erfindet alsdenn dieSeele oder den Geist, womit er die-sen Körper beleben will; oder ersucht zur Ausführung eines End-zweks, den er sich vorgesetzt hat,eine Begebenheit auf, die er zur Fa-bel brauchen kann. In bcydcn Fäl-len aber muß er die Begebenheit,durch Erfindung und Anordnung derThcile, nach seiner Absicht einrich-ten. Es ist wahrscheinlich, daßVirgilins durch den ersten Weg aufseine Aeneis gekommen ist. Er magzufälliger Weise an die Niederlassungdes Aeneas in Italien und an dieFolgen derselben gedacht haben, unddabei) auf den Gedanken gekommenseyn, daß diese Begebenheit eine sehrgure Fabel abgeben könnte, den gött-lichen Ursprung des römischen Iceichsund die vom Schiksale selbst den In-liern bestimmte Herrschaft darin, vor-zustellen. Also erfand er zu derschon vorhandenen Geschichte denGeist oder die Seele, womit er die-sen Körper hernach belebt hat. Ho-mer ist vermnthlich durch den an-dern Weg auf die Alias gekommen.Er mag sich vorher vorgesetzt haben,die berühmten Häupter der ehemali-gen griechischen Völkerschaften, undauch diese selbst, nach ihren Charak-teren
FSV 750/^5/5 k'5/v. ^ocric. c.y,