seiner Fabeln vollkommen zu machen,und in besondern Fallen scheinet ersich weniger bekümmert zu haben, obdie Reden den Personen, der Zeitund den Umstanden angemessen seyen,wenn sie nur etwas lehrreiches ent-hielten. Aber sein nachlaßigcs Wesenhat, wie der P. Brümoy wol an-merkt, einen Reiz, der der Rcgclmas-sigkcit des Sophokles die Waagehalt. Er hielt sich mehr an die Na-tur, als an die Kunst, und indem erschrieb, zog er mehr sein empfinden-des Herz, als seinen Verstand zu-rathe.
Wenn seine Personen uns nichts»oft in Bewunderung ihrer Große se-tzen , als des Acscbylus seine, undnicht so männlich sind, als sie So-phokles vorstellt, so empfinden sieGlük und Unglük starker, und drükenihre Empfindungen so aus, daß siein die verborgensten Winkel unsersHerzens dringen und uns zum Hoch-sien Mitleiden bewegen. Er zeichnetuns mehr würklich in der Natur vor-handene als idealische, oder erhöhet?Charaktere, aber seine Zeichnungensind meisterhaft.
In Erfindung tragischer Umstän-de und trauriger Zufalle, ist er biszur Verschwendung reich. Von al-lem dem, was einen Menschen bis zurtraurigsten Empfindung rühren kann,scheinet ihm nichts entgangen zu seyn.Die zärtlichen Sayten des Herzensweis er alle zu treffen, nnd ihr Spielbis auf den höchsten Grad zu treiben.Er crwckt weit mehr zärtliches Mit-leiden und Liebe für die handelndenPersonen, als Hochachtung. DasCchrcklichc und Große hat er nichtgesucht, oder nicht zu erreichen ver-mocht; wicwolersich auch bisweilenbis zum Erhabenen in den Beschrei-bungen und bis zum heroisch zärt-lichen der Empfindungen schwingt.Ton dem erstem geben die Wunder,die Bacchus in Theben thut, in seinenBacchantinnen einen Beweis; von
dem andern wollen wir ein Paar Bey.spiele hier anbringen.
Als die Herakliden in der äußerstenGefahr waren, dem Tyrannen Eury«sihens in die Hände zufallen und vonihm ermordet zu werden, sagt dasOrakel dem Demophoon, es sey kei-ne Rettung übrig, als wenn eineJungfrau von edlem Blute den Got-tern geopfert werde. Macaria, eineTochter des Herkules, Hort diesesvon dem Jolaus und sagt ihm:
Jft dann dieses das einzige Mit-tel zu lmfter Errettung s Jol, Da»einzige; denn inz übrigen würdenwir ganz glüklich seyn. Mac. Sofürchte nur das feindliche Heer derArgiver nicht länger. Nämlich so-bald Macaria Hort, daß sie durch ei-nen freywilligen Tod die ihrigen ret-ten könne, steht sie nicht einen Au-gcnblik an, ihr Leben anzubieten.
In demselben Stük legt der Dich-ter dem alten Iolaus einen großmü-thigen Gedanken bey. Alcmc-nc willihn abhalten in die Schlacht zu gehen,durch welche die Herakliden solltenfrey werden. Sie fürchtet, er moch-te darinn umkommen, nnd ihre Kin-der würden alsdenn ihres besten Be-schützers beraubet seyn. Er giebtihr aber diese großmüthige Antwort:Des Herkules Sohne werden SieSorge aller derer seyn, die am K,e-bcn bleiben werden; wodurch ernicht allein die Geringschätzung seineseigenen Lebens, sondern den großenEiudruk, den die Verdienste des Her-kules bey den Griechen gemacht, aufdas edelste ausdrükt.
Uebrjgcns zeiget sich dieser zärtli-che Dichter überall als einen wür-digen Schüler des großen Sokrates,der die Sache der Wahrheit und Tu-gend überall verficht. Die Sittcn-sprüche, welche er häufig anbringt,geben eine Sammlung der vornehm-sten Lehren dcrWcltwcisheit: so daßman gar deutlich bemerket, er habees sich als einen Hauptzweck vorge-
sttzt,