Druckschrift 
2 (1792) [E - J]
Entstehung
Seite
18
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dcr cdlen Einfalt. Konnten wir inunfern Künsten die Einfair der Na-tur wieder erhalten, so würde sie sichgewiß von da auch wieder über dieSitten ausbreiten. Ohne Zweifelhaben die von dcr edlen Einfalt ab-gewichenen Künstler zu dem verdor-benen Geschmak in dem Leben desMenschen das ihrige beygetragen.Die Tanzmeister haben viel steife undunnatürliche Leibesstellungcn auf-gebracht. Verschiedene sehr abge-schmeckte Zierungen, und dasgezwun-gene Spiel der Hände, dcr Augenund des Mundes, haben einige Per-sonen des schonen Geschlechts vonden Schauspielerinnen gelernt. Dieabgeschmeckte Art dcr Auszierungender Zimmer, dcr Hausgerathe, hatman den Zeichnern und Baumeisternzu danken; und die ekelhafte Rafini-rung im Ausdruk der Empfindungenund so viel gezwungenes und verstie-genes in dem Ausdruk der Rede, ha-ben einige Dichter aufgebracht. Die-ses mannigfaltige Verderben in dcrLebensart und den Sitten könnenKünstler von reinem Geschmak wie-der hemmen, und auch das verlorneGute wiederherstellen. DicMahlcrund Bildhauer können die Begriffevon dcr ursprünglichen Schönheitder menschlichen Gestalt wieder auf-weken. Die Tanzer und Schauspie-ler können das wahrhaftig Schoneund Edle in den Mienen, Manieren,Eebehrden und Bewegungen ein-pflanzen. Die Dichter können dieSitten, die Handlungen, die Cha-raktere, die Tugenden, alles Liebens-würdige der einfachen Natur diekennen lehren, die sie in dcr mensch-lichen Gefellschaft nicht mehr an-treffen.

Es muß aber einem heutigen Vir-tuosen sehr viel schwerer werden, deredlen Einfalt der Narur zu folgen,als es den Alten geworden ist. Die-se durften sich nicht erst aus dem ver-dorbenen Geschmak ihrer Zeit loöwi-

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kein. Man war damals in den Ge-schafften des Lebens und im Zeitver-treib einfacher, als die heutigeWelt ist.In unfern Tagen crfodert es einen gu-ten Verstand und ein scharfes Nach-denken, um das zu erreichen, wandenAlten so leicht und so gelaufig war.Die folgenden Anmerkungen könnendienen, den Künstler auf die Spurdcr cdlen Einfalt zu bringen.

Diese liebenswürdige Eigenschaftdcr Kunst kann sich in einem Werkauf verschiedene Weise zeigen. Sieerstrekt sich von dem allgemeinen oderersten Entwurf des Kunstwerks bisauf die kleinesten Ausbildungen des-selben. Die besten Werke der Kunstsind fast dnrchgehends die einfachc-stcn in dcr Anlage und im Plan.Man kann den ganzenPlan derIliasin wenig Worten vollkommen aus-drükcn. Sophokles und vornehm-lich Aesthpwg haben ihre Trauer-spiele nach so sehr einfachen Planeneingerichtet, daß man sie mit un-verwandten Augen gar vollständigfassen kann. Zwischen drei), vier,höchstens fünf Personen, die sichnicht sehr weit von der Stelle bewe-gen, geht eine sehr wichtige Hand-lung vor, darum sich ihre Charakterevollkommen cntwikcln. Eben so sinddie vollkommensten Gcmahldc dcrgrößten Meister von den wenigstenFiguren, und meistens von einer ein-zigen ganz einfachen Gruppe. Diefeincsten Gebäude dcr Alten machennur eine, und sehr einfache Masse,einen Würfel, oder einen oben abgc-ründeten Cylinder ans, den man aufeinmal mit der größten Leichtigkeit indas Auge faßt. Sie suchten dasGroße nicht in einer überflüßigcnMenge der Theilc, sondern in derinnerlichen Größe, in der Vollkom-menheit, in der vollkommensten Fi-gur des Gmtzen. Freylich habenauch große Meister sehr reich zusam-mengesctzre Werke gemacht: aber nurdenn, wenn der Inhalt die Menge

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