wäre die Einfalt in zufalligen Din-ge"-
Der Einfalt des Wezens wird dieVcrwiklung desselben entgegengesetzt,da eine Sache ans mchrern wesent-lichen Eigenschaften muß bcurtheiltwerden, wie die Handlungen einesMenschen seyn würden, der nachvielerlei) Maximen zugleich handelt.
Der Einfalt in dem Zufalligen istdas künstlich verwerte, das gesucb-te, entgegengesetzt, wo man künstli-che Veranstaltungen zu Einmischungzufalliger Umstände wahrnimmt.Doch kann man Falle bemerken, wodieses Zufallige so natürlich und un-gezwungen mit dem Wesentlichen ver-bunden ist, daß die edle Einfalt we-niger zu leiden scheint. So sindüberhaupt die Fabeln des Phadrusvon einer edlen Einfalt, weil ernichts, als das Wesentliche derHandlung vorstellt; da hingegen LaFontaine sehr viel Zufalliges bey-mischt, welches aber an einigen Or-ten so natürlich geschieht, daß manbeynahe die Kunst und die Veran-staltungen zu einer unnöthigen Aus-zicrung darüber vergißt.
Daß der gute Geschmak ei» großesGefallen an der edlen Einfalt habe,ist aus der Erfahrung bekannt, wie-wol man die Gründe dieses Wolge-fallcns wenig entwikelt hat. Dieedle Einfalt halt sich an deinWefent-lichen einer jeden Sache. Deßwe-gcn ist alles, was sich in dem Ge-genstand befindet, nothwendig da:es ist da nichts, das man davonthun konnte; alle Thcile passen ohneZwang an einander, nichts ist über-flüßig; nichts, das die Vorstellungs-kraft von dem Wesen des Gegen-standes ableitet; die Absichten wer-den durch den kürzesten, geradestenund natürlichsten Weg erreicht. Einsolcher Gegenstand ist demnach höchstvollkommen, weil alles darin» aufdas strengste zusammenstimmt. Manfühlt den Grund eines jeden Unistan-
des, der, weil er in dem Wesen derSache gegründet ist, nicht andersoder besser seyn könnte. Die Vor-stellungskraft wird nirgend aufgehal-ten, sie findet nichts auszusetzen.Alles, was zum Gegenstand gehört,macht ein völlig vollkommenes Gan-zes aus- Man wird so wenig Kunstgewahr, daß man glaubt, die Na-tur selbst habe nach der vollkommen-sten Anwendung ihrer Gesetze denGegenstand hervorgebracht. Kurz,die edle Einfalt ist der höchste Gradder Vollkommenheit.
Es liegt aber in der Natur des gu-ten Geschmaks, daß wir gerne dm'geradesten Weg gehen, daß wir dasunnütze und überflüßigc, wo wir eseinsehen, gern entfernen möchten;daß wir gerne fühlen oder einsehen,warum jedes Ding da ist; und daßes uns angenehm ist die Verbindungzwischen dem Wesen und den Eigen-schaften der Dinge zu sehen. Allesdieses findeil wir bei) den Gegenstän-den, darum die edle Einfalt herrscht.Sie muß insonderheit denjenigenVergnügen erwekcn, deren natürli-che und richtige Art zu denken mitGegenständen der ausschweifendenKunst öfters ist beleidiget worden.Denn da solche Werke ihrer Vorstel-lungskraft einen beständigen Zwangangethan, so fühlen sie sich bey Be-trachtung der Werke von edler Ein-falt erleichtert- Das Andenken derMühe, so ihnen das gezwungene undverworrene so oft macht, erhöhet dieLust an der edlen Einftlt der Natur.Niemand wird so sehr die Wollusteiner edlen Einfalt in der Lebensartund dem Umfang fühlen, als der,welcher den Zwang einer künstlich ab-gepaßten, mit willkührlichen Anstan-digkeitsgesetzen beschwerten, Lebens-art recht gefühlt hat.
Wer in diesem besondern Fall dieedle Einfalt der Natur mit dem ge-suchten und gekünstelten Wesen ver-gleichen will; wer die Regeln einer
abge-