Biographie. 127
deutschen Geistes hatten, diesen in einer Weise zn schildern, daß siedadurch ein intimeres Verständnis für daS geistige Leben Deutschlandserlangen sollten. Dazu war kein anderer so berufen wie Heine.
Heine sieht in der ganzen philosophischen Entwicklung Deutsch-lands, Uvn Kant bis auf die neue Zeit, einen fortdauernden Krieggegen den Glauben. Das ist das Grundmotiv seiner Darstellung,die allerdings dadurch eine gewisse Einseitigkeit erhält. Es fehlt ihrdas positive Element der deutschen Philosophie, und es ist die Ab-sicht zn leicht erkennbar, vergangene Perioden zur Folie modernerZeittendcnzen zu machen.
Er beginnt damit, die Idee des Christentums ausführlich zu be-sprechen, wie sie sich historisch gebildet, von den ersten Jahrhundertennach Christi Geburt an, bis zur Reformation. Es war dies keineleichte Aufgabe. Galt es doch zunächst, die Ausdrücke einer Schul-sprache zu vermeiden, die den Franzosen gänzlich unbekannt war.Und Heine gestand in der deutschen Ausgabe seines Buches mitseltenem Freimut ein, daß er „weder die Subtilitäten der Theologie,noch die der Metaphysik so tief ergründet habe", als daß er imstandewäre, dieselben nach den Bedürfnissen des französischen Publikumsklar und kurz darzustellen. Aber er durfte den großen deutschenPhilosophen gegenüber, die über den dürftigen Zuschnitt seines Buchesvielleicht mitleidig lächelten, doch wohl in die Wagschale werfen, daßdas Wenige, was er sagte, ganz klar und deutlich ausgedrückt war,„während ihre eigenenWerke zwar sehr gründlich, unermeßlich gründlich,sehr tiefsinnig, stnpend tiefsinnig, aber ebenso unverständlich sind."
Die Darstellung, welche nun Heine vom Christentum giebt, isteine fast vollständige Interpretation St. Simonistischer Ideen undTheorien. Den ganzen religiösen Entwicklungsprozeß der Menschheitstellt er als eincnKrieg zwischen Spiritualismus und Sensualismus dar.
Sehr bedeutend ist in dem Buche Heines die Darstellung derReformation und die Schilderung Luthers. Man muß bedenken, daßdie Franzosen damals kaum noch ein Verständnis für die große Be-deutung dieses Weltereignisses hatten, um das Verdienst Heines vollaufzu würdigen, der ihnen dasselbe in seiner ganzen Wichtigkeit erklärte.
Subjektiver gehalten ist die Darstellung Heines von der großenphilosophischen Revolution, die der religiösen Revolution folgte unddie letzte Konsequenz des Protestantismus bildet. Die Lehren vonDescartes, Cartesius, die große weltumfassende Bedeutung Spinozas,die wechselvollen Schicksale der Leibnizschen Philosophie, die mystischeTheosophie des Görlitzer Schusters Jakob Böhme, die VerdiensteChristian Wolfs um die Einführung der deutschen Sprache in diePhilosophie, der Rationalismus, Mendelssohn, Lessing und der kate-gorische Imperativ Kants, waren nie vorher glänzender und gemein-verständlicher dargestellt worden, als in dieser Schrift Heines.