Biographie. 93
welche die Hauptstadt des InAlr liks auf ihn Hervordrachten, hat erzu wiederholten Malen in verschiedenen Schriften geschildert. — Ameingehendsten und interessantesten in dem Kapitel seiner „EnglischenFragmente", welches folgendermaßen beginnt:
„Ich habe das Merkwürdigste gesehen, was die Welt demstaunenden Geiste zeigen kann, ich habe es gesehen, und staune nochimmer — noch immer starrt in meinem Gedächtnisse dieser steinerneWald von Hänscrn und dazwischen der drängende Strom lebendigerMcnschengesichter mit all ihren bunten Leidenschaften, mit all ihrergrauenhaften Hast der Liebe, des Hungers und des Hasses — ichspreche von London!" „London hat all meine Erwartungen übcr-troffen", schreibt er an einen Freund, „in Hinsicht seiner Groß-artigkeit aber habe ich mich selbst verloren ... Es ist hier sofürchterlich feucht und unbehaglich, und kein Mensch versteht einen,kein Mensch spricht deutsch."
Bot also London dem deutschen Dichter keine poetischen An-regungen, nichts von „Farbenglanz, Mnskcnscherz, tiessinniger Narretei,sprudelnder Thatenlnst, überschwänglichcr Leidenschaft", kurz von derganzen Glorie der Poesie, so waren dafür die Eindrücke, die derPublizist von dem politischen Leben Englands empfing, desto mächtigerund nachhaltender. Das Studium des öffentlichen Lebens im gelobtenLande der Freiheit war es ja wohl vor allem, was Heine zu seinerenglischen Reise vcranlaßte. lind was er da sah und hörte, im Par-lament, in den Gerichtssälen und ans den Straßen, übertraf alle seineErwartungen und ließ ihn die Enge und kleinbürgerliche Beschränktheitdes deutschen Lebens erst in seinem vollen Jammer erkennen.
George Canning, einer der hervorragendsten britischen Staats-männer, war damals der Held des Tages. Seine glänzende Ver-teidigung der Verwaltung Ostindiens, seine Reden über die Eman-zipation der Katholiken, sein mutiger Kampf gegen die stolze AristokratieAlbions und gegen die Kabinettspvlitik der heiligen Allianz, und seinPlaidoyer für die Anerkennung der amerikanischen Freistaaten inEuropa, vor allem aber der Grundsatz seiner Regiernngspo litik, dereiner vernünftigen Freiheit für alle Völker, dessen Ausführung seinganzes Leben geweiht war, ließen Canning als einen Märtyrer derliberalen Ideen des Jahrhunderts erscheinen, dem alle freiheits-begeisterten Herzen in Europa begeistert entgegenschlngcn.
Kein Wunder, daß Heine, von der Redegewalt dieses Staats-mannes hingerissen, ganze Tage auf der Galerie der St. Stephans-kapelle saß und „die Worte seines MundcS trank."
„Diese Zeit wird mir ewig im Gedächtnis blühen", schreibtHeine in Erinnerung an die Parlamentsredcn Cannings, „undnimmermehr vergesse ich die Stunde, als ich George Canning überdie Rechte der Völker sprechen hörte und jene Befreiungsworte ver-