Buch der Lieder.
S.
In stiller, wehmntwcicher AbendstundeUinklingen mich die längst verschollncn Lieder,l! nd Thränen fließen von der Monge nieder,lind Blut cntguillt der alten Herzcnswnnde,
Und wie in eines Zanberspicgels GrundeSeh' ich daS Bildnis meiner Liebsten wieder;
Sie sitzt am Arbeitstisch, im roten Mieder,
Und Stille herrscht in ihrer sel'gen Runde.
Da plötzlich springt sie auf vom Stuhl und schneidetVon ihrem Haupt die schönste aller Locke»,
Und giebt sie mir, — vor Freud' bin ich erschrocken.
Mephisto hat die Freude mir verleidet,
Er spann ein festes Seil von jenen Haaren,Und schleift mich dran herum seit vielen Jahre».
6.
„Als ich vor einem Jahr dich wiederblicktc,
Küßtest du mich nicht in der Willkvinmstuud'."So sprach ich, und der Liebsten roter MundDen schönsten Kuß auf meine Lippen driicktc.
Und lächelnd siiß ein Myrtenreis sie pflückteVoni Myrtenstrauche, der am Fenster stund:
„Nimm hin und pflanz dies Reis in frischen Grund,Und stell' ein Glas darauf," sprach sie und nickte. —Schon lang ist'S her. Es starb das Reis im Topf.Sie selbst Hab' ich seit Jahren nicht gesehn;
Doch brennt der Kuß mir immer noch im Kopf.
Und aus der Ferne trieb's mich jüngst zum Ort,Wo Liebchen wohnt. Vorm Hause blieb ich stehnDie ganze Nacht, ging erst am Morgen fort.
7.
Hüt dich, mein Freund, vor grimmen Teufelsfratzen,Doch schlimmer sind die sanften Engelsfrätzchen.Ein solches bot mir einst ein süßes Schmätzchen,
Doch wie ich kam, da fühlt' ich scharfe Tatzen.
Hüt dich, mein Frcnnd, vor schwarzen alten Katzen,Doch schlimmer sind die weißen jungen Kätzchen;Ein solches macht' ich einst zu meinem Schätzchen,
Doch thät mein Schätzchen mir das Herz zerkratzen.