Biographie. 155
„Papier — Bleistift . . Dies waren seine letzten Worte. In derNacht vom 16. auf den 17. Februar um dreiviertel auf fünf Uhrhauchte er seinen Geist aus. Mathilde hatte sich um ein Uhr schlafengelegt — sie sah erst ihren Gatten wieder, als sein Auge sich fürimmer geschlossen hatte. „Man führte mich in ein stilles Zimmer,"so erzahlt die Mouche von ihrem letzten Besuch, „wo die Leiche wieeine Statue auf einein Grabmal in der erhabenen Unbeweglichkeitdes Todes lag. Nichts Menschliches mehr in diesen kalten Zügen,nichts mehr, was an den erinnert hätte, der da geliebt, gehaßt undgelitten: eine antike Maske, über welche die Ruhe des Todes dieEisschicht einer stolzen Gleichgültigkeit gelegt hatte, ein bleiches Mar-morgesicht, dessen schöne Linien an die erhabensten Meisterwerke dergriechischen Kunst erinnerten, so habe ich ihn zum letzten Malegesehen. Der Tod zeigte sich gerecht gegen den, der ihn liebte;ähnlich der herrlichen Gestalt, welche er in der Wallfahrt nach Kevlaargezeichnet, lenkte der Tod, der große Tröster, seine Schritte des Morgensnach dem Bette deS Kranken, um seinen Leiden ein Ende zu machen."
Am 26. Februar, an einem kalten und nebligen Wintermorgen,um elf Uhr vormittags, fand das Leichenbegängnis Heines statt.Etwa hundert Personen folgten dem Sarge auf den Montmartre.Die kahlen Ulmen in den elyseischen Feldern zitterten fröstelnd imNebelwinde. Den Trauerzug führten A. Heine und dessen SchwagerJosef Cohen, denen sich die Freunde des Dichters anschlössen. Unterden Franzosen, die mit dem Häuflein deutscher Emigranten denLeichenzug begleiteten, befanden sich Mignet und Theophil Gautier.Auf dem Wege schloß sich ihnen Alexander Dumas au. Schweigendgingen sie hinter der Bahre und schweigend sahen sie den Sarg indie Gruft senken. Die Worte des Dichters:
Keine Messe wird man singen,
Keinen Kadosch wird man sagen,
Nichts gesagt und nichts gesungenWird an meinen Sterbetagen —
Diese Wvrte'waren in Erfüllung gegangen. Auf dem Kirchhof der „Ver-bannten und Geächteten" ruht Heinrich Heine und kein stolzes Marmor-denkmal, sondern eine einfache Sandsteinplatte mit der Inschrift: llsnriHeins ziert die weltabgeschiedene Ruhestätte des deutschen Dichters.
Mathilde überlebte ihren Gatten um siebenundzwanzig Jahre.Sie trat noch wiederholt in die Öffentlichkeit. Das erste Mal, alsGustav Heine seinem Bruder ein prachtvolles Marmordenkmal er-richten wollte. Mathilde wehrte sich entschieden dagegen. Das zweiteMal machte Frau Mathilde, die sich zu Passy ihren Witwensitzerkoren hatte, von sich reden, als sie gegen den französischen Ver-leger Heines einen Prozeß anstrengen wollte, indem sie sich in ihremTantiemenrecht beeinträchtigt glaubte. HeineS Neffe ward von ihr