6l) Biographie.
derselben, je mehr ihre Doktrinen sich von der erhabenen Welt-anschauung Goethes und Schillers trennten.
Die romantische Schule in Deutschland bedeutete — wie Heineselbst in seiner Schrift über dieselbe eS klar präzisiert — vor alleindie Wiedererweckung der Poesie des Mittelalters, wie sie sich in dessenLiedern, Bildern und Bauwerken, in Kunst und Leben ausgeprägthatte. Diese Poesie war natürlich eine religiöse; sie war aus demChristentum hervorgegangen, „eine Passionsblume, die dem BluteChristi entsprossen". Zu einer solchen Wiedererweckung deS mittel-alterlichen Lebens gehörte vor allem Gemüt, was aber den Romantikernvollständig fehlte. Es war ihnen kein unmittelbar dringendes Be-dürfnis, sondern ein Postulat des Verstandes, ein Punkt in ihremProgramm, wie viele andere.
Ihr Ausgangspunkt war die Fichtesche Wissenschaftslehrc, welcheeinen Wendepunkt in unserer Littcratur vom Klassizismus zur Romantikbildete. DaS souveräne Ich Füchtes wurde und blieb das Motto derRomantiker. Indem Fichte zu beweisen suchte, daß in dieser ganzengroßen Welt unser Ich das einzige sei, was wirklich existiere, undauch dieses Ich nur, insofern es handelt und dadurch eine sichtbare,gesetzlich zusammenhängende Welt schafft, lehrte er einen auf die Spitzegetriebenen Subjektivismus, der den jungen Führern der Schuleaußerordentlich imponierte und ihnen die Waffen zu ihrem Kampfegab; freilich nur, indem sie die Konsequenzen der Fichteschen Philosophiezogen, ohne ihren tieferen Gehalt zu erkennen, ohne ihre politischeBedeutung auch nur zu ahnen.
So war die Forderung, daß „die Willkür des Dichters kein Gesetzüber sich leiden dürfe", nur eine logische Konsequenz des FichteschenIch, auf Kunst und Poesie übertragen.
Neben dem Fichteschen Ich war es vorzugsweise die Natur-philosophie von Schölling, aus der die jungen Romantiker ihreWeisheit holten. In dem System Uchtes war für die Natur keinbesonderer Raum; diese war vielmehr in dem „Nicht-Ich" unter-gebracht, in welchem der Philosoph alles dem freien Ich gegenübergestellt hat. Schölling suchte nun die Natur wieder in ihre Rechteeinzusetzen; er verkündete den Satz: „Die Natur soll der sichtbareGeist, der Geist die unsichtbare Natur sein." Er schuf „die Weltseele"und vermischte in seiner Naturphilosophie die Weltanschauung Goethesund Füchtes zu einem llniversalismus, der der Grundgedanke derromantischen Weltanschauung geworden ist. Das System Schöllingsvon der Identität des Idealen und Realen wurde, indem es dasganze Universum unter den Gesichtswinkel des Romantischen stellte,gewissermaßen zum Codex der Romantik und ist ein Denkmal fürdie innere Berechtigung sowohl wie ein Zeugnis für das Schicksalder Romantik geworden. Nicht minder das Mvralpriuzip Schcllings,