Druckschrift 
1 (1900) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
15
Einzelbild herunterladen
 

Biographie. 15

zwischen steinernen Mauern die Düffel fließt und ich sagte: .Wilhelm,hol' doch das Katzchen, das eben hineingefallen' und lustig stieger hinab auf das Brett, daS über dem Bache lag, riß das Kätzchenaus dem Wasser, fiel aber selbst hinein, und als man ihn herauszog,war er naß und tot. Das Kätzchen hat noch lange Zeit gelebt."

Am meisten war Heine mit Josef Neunzig befreundet; nichts-destoweniger passierte diesem einmal daS Malheur, daß er Harrydurch einen Steinwurf schwer verletzte, so daß dieser mit einerblutenden Wunde am Kopf nach Hause kam. Die erschrockene Mutterwollte den kleinen Missethäter sofort bestrafen, Josef hatte sich abereiligst unter das Bett verkrochen, wo ihn niemand finden konnte.Später erinnerte Neunzig in Bonn Heine an diese Jugendepisodeund dieser bemerkte ironisch lächelnd:Wer weiß, wozu es gut war!Hättest du nicht die poetische Ader getroffen und nur einen offenenKopf verschafft, so wäre ich vielleicht niemals ein Dichter geworden!"

In seinen Erinnerungen und Memoiren hat Heine viele Ein-drücke seiner Knabenzeit geschildert, aber auch Wahrheit und Dichtungmannigfach verwebt; was hier erzählt wird, stützt sich daher auch ansanderweitig beglaubigte Quellen.

Seine Schwester Charlotte war der besondere Liebling Harrys.Schon in aller Morgenfrühe, wenn die andern Mitglieder der Familienoch in tiefein Schlummer lagen, spielten Harry und Charlotte mit-einander sie suchten Reime.

Schon in frühester Jugend war ihm eine gewisse Nervositäteigen, die mit jedem Jahre zunahm; lautes Sprechen, Klavierspielen,jeder Lärm war ihm unangenehm und berührte ihn schmerzlich, sogarseiner Schwester, die ein angenehmes, klangvolles Organ besaß, sagteer oft:Liebes Lottchen, schrei' nicht so laut." Sein Gehör warso scharf, daß er im Bette, welches mit einem Wandschirm umgebenwar, alleS hörte, was man draußen sprach.

Unter seinen Mitschülern war er stets einer der ersten; er faßteam leichtesten auf und arbeitete am schnellsten. Und übereinstimmendwird von allen Zeitgenossen gemeldet, daß schon damals in seinem zehntenLebensjahre deutliche Spuren poetischer Begabung des Knaben in dieErscheinung traten, zarte Knospen freilich noch, die erst später zu einemmächtigen Baume sich entfalten sollten. Der erste Anlaß, bei dem sichdieses poetische Talent bemerkbar machte, war folgender: Charlotte be-suchte eine von Nonnen geleitete Klosterschnlc. Eines Tages erzählteeiner der Lehrer seinen Schülerinnen eine Geschichte, die sie zu Hauseniederschreiben sollten. Nach den Schulstunden setzte sich Charlottean die Arbeit, doch soviel sie auch nachdenken mochte sie konntesich deS Inhalts der Erzählung nicht mehr entsinnen. In helleThränen gebadet traf Harry sein Schwesterchen.Was giebt's?"fragte er.Die Geschichte, die ich niederschreiben soll, ist mir ent-