14 Biographie.
Ganz verschieden geartet war jedoch die Mutter des Dichters.An ihr hing er stets mit der rührendsten Kindesliebe, sie verherrlichteer in ergreifenden Gedichten, ihrer gedenkt er in seinen Schriftenstets mit innigster Pietät. Betty Heine hatte ans ihre Kinder einenbedeutenden Einfluß. Die vortreffliche Erziehung, die sie im elter-lichen Hause genossen hatte, übertrug sie auch auf ihre eigenen Kinder.Sie war, wie bereits erwähnt, eine Schülerin Rvnsseaus, hatte dessen„Emile" gelesen und bewundert, säugte selbst ihre Kinder „und Er-zichungSwcsen war ihr Steckenpferd." Ihre Vernunft und ihre Em-pfindung waren die Gesundheit selbst und nicht von ihr will Heine„den Sinn für das Phantastische und die Romantik" geerbt haben.Sie lehrte Harry, der ein ebenso aufgeweckter wie lebhafter Knabewar, mit großer Geduld Lesen und Schreiben. Zahllose kleineCharakterzüge sind uns von ihr aufbewahrt, die ihr Bild im hellstenLichte erscheinen lassen und die fast alle für die spätere Entwicklungdes Dichters charakteristisch sind. Nur einige seien hier erwähnt. ImHause Heines war ein großer englischer Kamin, eine Seltenheit injener Zeit, den man im Sommer mit einer schwarz lackierten Platteverschloß, damit die Kinder beim Vcrsteckspielen nicht hineinkriechenkonnten. Auf diese Platte schrieb die Mutter große Buchstaben mitKreide, die Harry nüt dem größten Fleiße nachahmte. Er war erstvier Jahre alt, als er Lesen und Schreiben lernte und man schickteihn deshalb in eine Mädchenschule, deren Leiterin eine fünfzigjährigeJungfrau war. Der Knabe lernte alles mit der größten Leichtigkeit,aber das Stillsitzen war ihm unerträglich. Die Lehrerin bestraftedagegen jede Unachtsamkeit auf das Empfindlichste, und wurde demKnaben so verhaßt, daß er beständig hin und her sann, wie er sichan ihr rächen könnte.
Einmal erwischte er die Schnupftabaksdose der Alten, leerte die-selbe vollständig aus und füllte sie mit Sand. Als die Lehrerin ihmeine Strafpredigt hielt und ihn fragte, warum er dies gethan habe,antwortete er mit Nachdruck: „Weil ich dich hasse!"
Harry wurde darauf in eine Knabenschule geschickt; dort warer in seinem Element, konnte nach Herzenslust toben und die aben-teuerlichsten Scherze machen.
Die Familie Samson Heine hatte sich inzwischen vermehrt; nachHarry im Jahre 1800 erblickte seine Schwester Charlotte das Licht derWelt, 1805seinBruderGnstav und 1807 der jüngsteBruderMaximilian.
Harrys beste Freunde waren zu jener Zeit Josef Neunzig, derSohn eines in der Nachbarschaft wohnenden Bäckers und Bierbrauers,Samuel H. Prag, der mit ihm die israelitische Privatschule einesHerrn Rintelsohn besuchte, und Wilhelm von Wizewsky, von demHeine in seinen „Reisebildern" erzählt: „Wir waren Schulkameradenim FranziSkanerklvster und spielten auf jener Seite desselben, wo