Sonette. 47
II.
Im tollen Wahn hatt' ich dich einst verlassen,Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn, ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Thüre streckt' ich aus die Hände,Und bettelte um g'ringe Liebesspende, —
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immerNach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug' geschwommen,Das war die süße, langgesuchte Liebe.
An H. S.'
Wie ich dein Büchlein hastig aufgeschlagen,
Da grüßen mir entgegen viel vertraute,
Viel goldne Bilder, die ich weiland schauteIm Knabentraum und in den Kindertagen.
Ich sehe wieder stolz gen Himmel ragenDen frommen Dom, den deutscher Glaube baute,Ich hör' der Glocken und der Orgel Laute,
Dazwischen klingt's wie süße Liebesklagen.
Wohl seh' ich auch, wie sie den Dom umklettern.Die flinken Zwerglein, die sich dort erfrechen,Das hübsche Blum- und Schnitzwerk abzubrechen.
Doch mag man immerhin die Eich' entblätternUnd sie des grünen Schmuckes rings berauben, —Kommt neuer Lenz, wird sie sich neu belauben.
i Älteste Überschrift: „An H. Str. Nachdem ich seine Zeitschrift für Er-weckung altdeutscher Kunst durchlesen". Gemeint ist Heinrich Straube, derzusammen mit T>. I. P. v. Hornthal 1818 die Keilschrift „Wünschelrnlhe"herausgab, an welcher Arndt, Brentano, Kerner, Schwab, die Brüder Grimmu a. Mitarbeiter waren. Heine lernte ihn 1820 in Göttingen kennen undwurde mit ihm näher befreundet.