148 Französische Zustande. II.
Im übrigen ist aber das Bild ganz unübertrefflich meisterhaft gemalt,mit der Feinheit des van Dyck und mit der Schattenkühnheit desRembrandt; es erinnert mich namentlich an die republikanischenKriegergestalten auf dem großen historischen Gemälde des letzteren,die Nachtwache, die ich im Trippenhuis zu Amsterdam gesehen.
Der Charakter des Delaroche, sowie des größten Teils seinerKunstgenossen, nähert sich überhaupt am meisten der flämischenSchule; nur daß die französische Grazie etwas zierlich leichter dieGegenstände behandelt und die französische Eleganz hübsch oberflächlichdarüber hinspielt. Ich möchte daher den Delaroche einen graziösen,eleganten Niederländer nennen.
An einem andern Orte werde ich vielleicht die Gespräche be-richten, die ich so oft vor seinem Cromwell vernahm. Kein Ortgewährte eine bessere Gelegenheit zur Belauschung der Bolksgefühlcund Tagesmeinungen. Das Gemälde hing in der großen Tribüneam Eingang der langen Galerie, und daneben hing Roberts ebensobedeutsames Meisterwerk, gleichsam tröstend und versöhnend. In derThal, wenn die kriegsrohe Puritanergestalt, der entsetzliche Schnittermit dem abgemähten Königshaupt, ans dnnkelm Grunde hervortretend,den Beschauer erschütterte und alle politischen Leidenschaften in ihmaufwühlte, so ward seine Seele doch gleich wieder beruhigt durch denAnblick jener andern Schnitter, die, mit ihren schönen Ähren heim-kehrend zum Erntefest der Liebe und des Friedens, im klarstenHimmelslichte blühten. Fühlen wir bei dein einen Gemälde, wieder große Zweikampf noch nicht zu Ende, wie der Boden noch zittertunter unseren Füßen; hören wir hier noch das Rasen des Sturmes,der die Welt niederzureißen droht; sehen wir hier noch den gähnen-den Abgrund, der gierig die Blntströme einschlürft, so daß grauen-hafte Ilntergangsfurcht uns ergreift: so sehen wir auf dem andernGemälde, wie ruhig sicher die Erde stehen bleibt und innner liebreichihre goldenen Früchte hervorbringt, wenn auch die ganze römischeUniversaltragödie mit allen ihren Gladiatoren und Kaisern undLastern und Elefanten darüber hingetrampelt. Wenn wir auf demeinen Gemälde jene Geschichte sehen, die sich so närrisch hcrumrolltin Blut und Kot, oft jahrhundertelang blödsinnig stillsteht, unddann wieder unbeholfen hastig aufspringt, und in die Kreuz und indie Quer wütet, und die wir Weltgeschichte nennen: so sehen wirans dem andern Gemälde jene noch größere Geschichte, die dennochgenug Raum hat auf einem mit Büffeln bespannten Wagen; eineGeschichte ohne Ansang und ohne Ende, die sich ewig wiederholt undso einfach ist wie das Meer, wie der Himmel, wie die Jahreszeiten;eine heilige Geschichte, die der Dichter beschreibt und deren Archivin jedem Menschenherzen zu finden ist: — die Geschichte der Menschheit!
Wahrlich, wohlthuend und heilsam war es, daß Roberts Gemälde