168 Französische Zustände. II.
Thamar behandelte, zum ewigen Feuer verdammen werden. Ichglaube eS nicht. Denn erstens, das Gemälde ist sv Vvrtrefflich gemalt,daß man schvn deshalb den Beklagten freisprechen müßte. Zweitens istder Harare Vernct ein Genie, und dem Genie sind Dinge erlaubt, die dengewöhnlichen Sündern verbaten sind. Und endlich, wer an der SpitzeVvn einigen hunderttausend Soldaten anmarschiert kommt, dem wirdebenfalls viel verziehe», selbst wenn er zufälligerweise kein Genie wäre.
Über die französische Bühne.
Uerirante Hriefe an August Hcwakö.
(Geschrieben im Mai ISZ7, auf einem Dorfe bei Paris.)
Erster Brief.
Endlich, endlich erlaubt es die Witterung, Paris und den warmenKamin zu verlassen, und die ersten Stunden, die ich auf dem Landezubringe, sollen wieder dem geliebten Freunde gewidmet sein. Wiehübsch scheint mir die Sonne aufS Papier und vergoldet die Buch-staben, die Ihnen meine heitersten Grüße überbringen! Ja, derWinter flüchtet sich über die Berge, und hinter ihm drein flatterndie neckischen Frühlingslüfte, gleich einer Schaar leichtfertiger Grisetten,die einen verliebten Greis mit Spottgelächtcr, oder wohl gar mitBirkenreisern, verfolgen. Wie er keucht und ächzt, der weißhaarigeGeck! Wie ihn die jungen Mädchen unerbittlich vor sich hintrciben!Wie die bunten Busenbänder knistern und glänzen! Hie und da fällt eineSchleife ins Gras! Die Veilchen schauen neugierig hervor, und mitängstlicher Wonne betrachten sie die heitere Hetzjagd. Der Alte istendlich ganz in die Flucht geschlagen, und die Nachtigallen singenein Triumphlied. Sie singen sv schön und so frisch! Endlich könnenwir die große Oper mit samt Mcyerbeer und Dnprcz entbehren.Nourrit entbehren wir schon längst. Jeder in dieser Welt ist amEnde entbehrlich, ausgenommen etwa die Sonne und ich. Dennohne diese beiden kann ich mir keinen Frühling denken, und auch keineFrühlingslüfte und keine Grisetten und keine deutsche Litteratnr. . .Die ganze Welt wäre ein gähnendes Nichts, der Schatten einer Null,der Traum eines Flohs, ein Gedicht von Karl Strcckfnß!
Ja, es ist Frühling und ich kann endlich die Unterjacke aus-ziehen. Die kleinen Jungen haben sogar ihre Röckchen ausgezogenund springen in Hemdärmcln um den großen Baum, der neben derkleinen Dorfkirche steht und als Glockenturm dient. Jetzt ist der