30
scqucnt zu bleiben, die Controverse die scharfe Spitze erreichtund der egoistische Eigensinn hat Nachgeben und Ausgleichenunmöglich gemacht. Calvin war spitzfindig und Luther hef-tig; doch ist dieser in seiner männlichen Geradheit und vollenEhrlichkeit mir lieber."
Witzlebcn hatte bisher, wiewohl er scharf übersah undnahen Anthcil nahm, nur zugehört, aber nicht gesprochen;jetzt aber nahm er das Wort und sagte: „Die Theologenunserer Tage sind nicht so heftig und polemisch mehr, wiedamals und auch späterhin zur Zeit des großen Churfürstenund Friedrich Wilhelm I. Unsere Sitten sind milder; Hef-tigkeit wird für unanständig gehalten. Die Scheiterhaufensind erloschen; Concilien werden nicht mehr gehalten; dietrennenden confessioncllen Unterschiede sind nicht so schroffmehr, wie sonst; es gicbt im Lande, wie in Berlin undPotsdam, viele Simultan-Kirchen; die lutherischen und re-sormirten Gemeinden sind sich freundlich näher gekommen,und ihre Geistlichen sinv friedfertiger."
»Ja," siel der König sarkastisch ein, „friedfertiger sindsie, aber auch indifferenter; sanfter, aber nicht wie Lämmer,sondern wie Schafe; glatter, aber nicht ehrlicher; gewandter,aber nicht wahrer. Mir ist Widerspruch aus Ueberzeugunglieber, als Nachgiebigkeit aus Schwäche, welche jede beliebigeGestalt annimmt. Da lobe ich mir den gläubigen muthigcnLuther, der vor dem Kaiser, vor Churfürsten und anderenhöhen Herren, unerschrocken dastand und dem die biblischeWahrheit über Alles galt. Er war zwar derb; aber dabeiaufrichtig. Seinen Widerspruch lasse ich mir gefallen, es istnoch Schärfe und Salz darin; aber der Widerspruch derjetzigen Herren Theologen, worin der Eine lobend annimmt,