Druckschrift 
3,2 (1846)
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nannte Rechtgläubigkeit machte ihre Sache zur Sache Got-tes, und da dieser (so groß war die Selbsttäuschung!) Nichtsvergeben werden durste, so nahm Paul Gerhard von seinemgesegneten Wirkungskreise Abschied. So viel thut die Zeit,in der man lebt, und ihre umfließende Lust, die man athmet;lebte Paul Gerhard in der unsrigen, gewiß würde er tole-ranter sein und einen weiteren Standpunkt gewählt haben."

In diesem kommt es nicht so sehr auf das Dogmades Systems, als vielmehr auf den Glauben an, der in derLiebe thätig ist; diese Liebe ist die herrschende Gesinnung, dieaber die Färbung der jedesmaligen Zeit trägt und die mandas öffentliche Gewissen .nennt. Diese fortgehende Gesinnungmacht, als das Facit des Lebens, den Werth, den innerenGehalt des Menschen aus. Je näher dieselbe dem Christen-thum ist, desto christlicher ist er, und Viele, nach dem Be-kcnntniß rechtgläubig, sind von dem Reiche Gottes ferne,nahe aber demselben, Herzen voll von Einfalt, Wahrheitund Treue. Als der Herr den Nathanael sah, urtheilte erüber ihn, daß er ein rechter Israelit sei, weil kein Falschesin ihm war, und Alle, welche eine gute Gesinnung hatten,nahm er, sie mochten Juden, Samariter oder Heiden sein,freundlich in seinen Bund auf. Judas hielt sich zu ihm undwar gleich den übrigen Jüngern in seinem Gefolge äußerlich,innerlich aber war er ausgeschloffen, stand draußen, war undblieb ferne. Viele Menschen halten sich in dem Erkennenund Bekennen guter Grundsätze, die sie in tobten Buchstabennachsagen, für besser, als sie wirklich sind; Viele dagegen,die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen, und ehrlichund offen sich hingeben, scheinen böser zu sein, als es in derThat im Kerne ihres Lebens sich verhält. Sie haben, ohnees selbst zu wissen, vorzüglich durch das weckende anspruch-