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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Musikalische Berichte aus Paris. 291

Vergangenheit aus unserer Erinnerung fortlächcln, und mit ihremkoketten Getändel wie mit Pfauenfächern die sumsenden Zukunft-gedanken, die unsichtbaren Mücken, von uns abwedeln. Zu dieser harm-los buhlerischen Gattung gehört auch Adam, der mit seinemCagliostro"ebenfalls in der Opera comiqne sehr leichtfertige Lorbeeren eingeerntet.Adam ist eine liebenswürdig erfreuliche Erscheinung und ein Talent,welches noch großer Entwicklung fähig ist. Eine rühmliche Erwähnungverdient auch Thomas, dessen OperetteMina" viel Glück gemacht.

Alle diese Triumphe übertraf jedoch die Vogue desDeserteurs",einer alten Oper von Monsigny, welche die Opsra comiqne aus denKartons der Vergessenheit hervorzog. Hier ist echt französische Musik,die heiterste Grazie, eine harmlose Süße, eine Frische, wie der Duftvon Waldblumen, Naturwahrheit, sogar Poesie. Ja, letztere fehltnicht, aber es ist eine Poesie ohne Schauer der Unendlichkeit, ohnegeheimnisvollen Zauber, ohne Wehmut, ohne Ironie, ohne Morbidezza,ich mochte fast sagen: eine elegant bäuerische Poesie der Gesundheit.Die Oper von Monsigny mahnte mich unmittelbar an seinen Zeit-genossen, den Maler Grenze; ich sah hier wie leibhaftig die ländlichenScenen, die dieser gemalt, und ich glaubte gleichsam die Musikstückezu vernehmen, die dazu gehörten. Bei der Anhörung jener Operward es mir ganz deutlich, wie die bildenden und rentierenden Künstederselben Periode immer einen und denselben Geist atmen, und ihreMeisterwerke die intimste Wahlverwandtschaft beurkunden.

Ich kann diesen Bericht nicht schließen, ohne zu bemerken, daßdie musikalische Saison noch nicht zu Ende ist und dieses Jahr gegenalle Gewohnheit bis in den Mai fortklingt. Die bedeutendsten Bälleund Konzerte werden in diesem Augenblick gegeben, und die Polkawetteifert noch mit dem Piano. Ohren und Füße sind müde, aberkönnen sich doch nicht zur Ruhe begeben. Der Lenz, der sich diesmalso früh eingestellt, macht Fiasko, man bemerkt kaum das grüne Laubund die Sonnenlichter. Die Ärzte, vielleicht ganz besonders dieIrrenärzte, werden bald viel Beschäftigung gewinnen. In diesembunten Taumel, in dieser Genußwut, in diesem singenden, springendenStrudel lauert Tod und Wahnsinn. Die Hämmer der Pianofortewirken fürchterlich ans unsere Nerve», und die große Drehkrankheit,die Polka, giebt uns den Gnadenstoß.

Was ist die Polka? Zur Beantwortung dieser Zeitfrage hätteich wenigstens sechs Spalten nötig. Doch sobald wichtigere Thematamir Muße gönnen, werde ich darauf zurückkommen.

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