2glZ Französische Zustande. II.
geraten, denn jene beiden, Mario nnd Grisi, sind nicht bloß durchGesang, sondern auch durch Schönheit ausgezeichnet.
Ungern, trotz jenem reizenden Paar, vermissen wir hier bei denBouffes Pauline Viardot, oder, wie wir sie lieber nennen, die Garcia.Sie ist nicht ersetzt, und niemand kann sie ersetzen. Diese ist keineNachtigall, die bloß ein Gattungstalent hat nnd das Friihlingsgenrevortrefflich schluchzt nnd trillert; sie ist auch keine Rose, denn sie isthäßlich, aber von einer Art Häßlichkeit, die edel, ich möchte fast sagenschön ist, und die den großen Löwenmaler Lacroix manchmal biszur Begeisterung entzückte! In der That, die Garcia mahnt wenigeran die civilisierte Schönheit und zahme Grazie unserer europäischenHeimat, als vielmehr an die schauerliche Pracht einer exotischenWildnis, und in manchen Momenten ihres passionierten Vortrags,zumal wenn sie den großen Mund mit den blendend weißen Zähnenüberweit öffnet, und so grausam süß und anmutig fletschend lächelt:dann wird einem zu Mute, als müßten jetzt auch die ungeheuerlichstenVegetationen und Tiergattungen Hindostans oder Afrikas zum Vor-schein kommen; — man meint, jetzt müßten auch Riesenpalmen,umrankt von tausendblumigen Lianen, emporschießen; — und manwürde sich nicht wundern, wenn plötzlich ein Leopard, oder eine Gir-affe, oder sogar ein Rudel Elephautcnkälber über die Scene liefen.Wir hören mit großem Vergnügen, daß diese Sängerin wieder ansdem Wege nach Paris ist.
Während die Lwacisrars cks musiqms aufs jammervollste da-niederlag, und die Italiener sich ebenfalls betrübsam hinschleppten,erhob sich die dritte lyrische Scene, die Opera comiquc, zu ihrerfröhlichsten Höhe. Hier überflügelte ein Erfolg den andern, und dieKasse hatte immer einen guten Klang. Ja, es wurde noch mehrGeld als Lorbeeren eingeerntet, was gewiß für die Direktion keinUnglück gewesen. Die Texte der neuen Opern, die sie gab, warenimmer von Scribe, dem Manne, der einst das große Wort aus-sprach: „Das Gold ist eine Chimäre!" und der dennoch dieser Chimärebeständig nachläuft. Er ist der Mann des Geldes, des klingendenRealismus, der sich nie versteigt in die Romantik einer unfruchtbarenWvlkenwelt, und sich festklammert an der irdischen Wirklichkeit derVernunftheirat, des industriellen Bürgertums nnd der Tantieme.Einen ungeheuren Beifall findet Scribes neue Oper: „Die Sirene",wozu Auber die Musik geschrieben. Autor nnd Komponist passenganz füreinander; sie haben den raffiniertesten Sinn für dasInteressante, sie wissen uns angenehm zu unterhalten, sie entzückenund blenden unS sogar durch die glänzenden Facetten ihres Esprits,sie besitzen ein gewisses Filigrantnlcnt der Verknüpfung allerliebsterKleinigkeiten, nnd man vergißt bei ihnen, daß es eine Poesie giebt.Sie sind eine Art Kunstlorettcn, welche alle Gespenstergeschichten der